Montag, 17. Mai 2021

im frühling

im frühling

schüttelt der wilde wind

das blaue himmelstuch

auf dem in kreuzstich

ein weisses lamm der welt erscheint


ein zirruswölkchen treibt

über den feldaltar unserer

sehnsucht


ein weisser schmetterling schreibt

muttertagsgedichte

auf ein hellblaues luftblatt

ein lachendes kind im

erstkommunionskleid

läuft über die ebene


lieber gott im himmel

lieber gott...

 

Samstag, 15. Mai 2021

der nichtschwimmer

eines tages besuchte ihn ein alter schulfreund, mit dem er nur sporadisch kontakt gehalten hatte. er war in der schule einer von denen gewesen, die den ton angegeben hatten, und so befreundet war er nun auch wieder nicht mit ihm, aber zumindest teilten sie eine ziemlich lange zeitspanne miteinander, eine zeitspanne, von der er immer wieder gesagt hatte, wie gut es doch sei, dass sie vorüber war und nie wiederkommen würde.

sein schulfreund, so fiel ihm gerade wieder ein, war ein rechtes grossmaul gewesen. kaum ein ort, an dem er nicht gewesen war, kaum ein mädchen, das er ausgelassen hatte - und er hatte gute noten gehabt, was ihn nicht gerade ansprechender erscheinen liess. er selbst war eine bank weiter hinten gesessen und hatte oft auf die logos der t-shirts gestarrt, die sein kollege bevorzugt trug. nicht so sein ding. eigentlich überhaupt nicht. wieder mal diese offene zurschaustellung einer überlegenheit, die ihm damals schon ziemlich hohl vorkam.

später dann die briefe, noch später die emails. briefwechsel, die hauptsächlich themen wie arbeit und establishment behandelten und er hatte sie immer abgearbeitet wie eine mühselige pflicht, die er nun mal hatte. bis zu der einen mail, die anders war als sonst.

sein schulfreund hatte geschrieben, ob er ihn nicht für ein paar tage besuchen könnte. er hatte lange mit der antwort gezögert und immer im hinterkopf das bild bei sich getragen, wie sein freund sich in seinem winzigen haus umsehen und ihn dann fragend ansehen würde, mit der unausgesprochenen, weil wohl zu privaten frage, ob das alles sei. er fühlte sich schon gestresst, als er die mail gelesen hatte und überlegte, wie er den kopf aus der schlinge bekommen könnte - eine ausrede, eine verdammt gute ausrede musste her, aber es war ihm nichts brauchbares eingefallen und so sagte er nach einer woche nachdenken entnervt zu. er besass sogar die freundlichkeit, seinem schulkollegen das gästezimmer anzubieten, was dieser angenommen hatte, ohne sich gross dafür zu bedanken.


es war alles gekommen, wie er sich gedacht hatte, nur noch schlimmer. der mann hatte sich seit seiner schulzeit kaum verändert und wenn ja, dann noch weiter zum lauten, angeberischen hin. er sprach den ganzen ersten abend lang über seinen job, der überbezahlt war - er tat dies als unwichtig ab und doch bemerkte man, wie sehr es ihm gefiel, hier den macher raushängen zu lassen, einer, der es geschafft hatte - wenigstens einer von der ganzen klasse.

am liebsten hätte er den yuppie gleich wieder abserviert, schon als er aus seinem dunkelblauen neuen bmw gestiegen war, mit dem laptopkoffer in der hand und den dunklen sonnenbrillen, die er pseudolässig in sein haar geschoben hatte. einer von denen, die einfach nicht verstehen, dass eines der wichtigsten gesetze des universums lautete: wer die sonnenbrille im haar trägt, gilt als kretin und soll dementsprechend verachtet werden.

er hatte sich mühsam beherrscht und ihm die hand hingestreckt, die sein kollege so fest gedrückt hatte, dass es geschmerzt hatte. der händedruck eines managers, besagte der schraubstockgriff, und ausserdem hatte er seine hand gleich mal netterweise nach unten gedrückt. er wollte ihm daraufhin eine reinhauen und tat es nicht - hatte er nie getan - und lud ihn statt dessen ein, sich mit ihm vor's haus zu sezten und draussen eine nette flasche wein zu trinken. woraus nichts geworden war, denn der freund steuerte zielstrebig die haustür an, woraufhin er ihm gefolgt war, leise in sich hineinfluchend und bis aufs äusserste angespannt. es gibt regen, das kann man ja sehen, hatte sein freund gemeint, doch dass kein regen kam, war vorauszusehen. der grosskotz wollte nur mal wieder seine überlegenheit zur schau stellen. das, was er sagte, das galt. es wurde ein wunderbarer abend, wie man sich denken kann. 


er hörte zu, wie sein freund redete, und er kam kaum zu wort. bis auf das eine mal, als er sich quasi dafür entschuldigen musste, dass er wie ein student vor sich hinlebte, ohne genaue lebensplanung (er hatte nur noch müde gegrinst), ohne ehefrau und kinder (junge, dir läuft die zeit weg, mir ja auch, aber mich frisst die arbeit auf, ich hab keine zeit für familienplanung). so ging es weit bis in die nacht hinein.

er konnte kaum schlafen. dachte nur noch, dass es die reine hölle sein würde, mit dem typen zusammen den ganzen nächsten tag zu verbringen und die darauffolgenden tage auch, und als krönung wieder mal die reisserischen logos auf seinen shirts zu betrachten, die zusammen mit der ins haar geschobenen sonnenbrille die reine körperverletzung darstellen mussten.


es begann genauso, wie er es befürchtet hatte. was, du hast keinen internetanschluss? wie soll ich die börsenkurse abrufen? ach, vergiss es, du brauchst sowas ja nicht.... genau, brauchte er nicht, und den menschen ihm gegenüber genauso wenig. sie brachten den vormittag bis zum mittagessen mehr schlecht als recht hinter sich - sein freund hatte in seinem zimmer einige stunden gelesen, später hatte er gekocht und als sie zusammen am küchentisch sassen, war sein freund müde von der seeluft und redete nicht mehr so viel wie am abend zuvor. sie hatten einen strandspaziergang vereinbart und er wartete nach dem essen auf seinen freund, der sich schnell etwas passendes, wie er sagte, anziehen wollte. als er die küche betrat, in einem weissen shirt mit designerlogo auf der brust und weissen  sommerhosen, die einfach nur widerwärtig aussahen, war es dann fast brenzlig geworden. doch er hatte sich noch ganz gut im griff und grinste nur, zog sich seinen schwarzen kapuzenpullover über und ging voran.


sie sassen auf der klippe, hinter der das haus lag, und sahen zum horizont hinüber, einigermassen müde vom langen gehen, vor allem sein freund, der diese strapazen nicht gewohnt war. er war noch mal zum haus gelaufen und hatte zwei dosen bier geholt, während sein freund wartete, ausserdem brachte er ihm seine alte windjacke mit, die dankbar in empfang genommen wurde. 

die stimmung war nicht schlecht. die alten zeiten wurden gehörig durch den kakao gezogen, die fiesen streiche, die die lehrer zum ausrasten gebracht hatten, und er wartete lange und vergebens auf ein wort der angeberei, das nicht und nicht kommen wollte. sein freund sah jung aus, fiel ihm auf. verdammt jung. und seine apokalyptische weisse hose war einigermassen dreckig vom sand.

sie sahen zu, wie die sonne langsam hinter den horizont glitt und die grauviolette färbung wie ein schatten über dem meer lag.


weisst du, sagte auf einmal sein freund, ich hab angst vor dem wasser. hatte ich immer schon. kannst du dich erinnern, ich wär als kind fast mal ersoffen. hab das nie vergessen können.

nein, sagte er, das wusste ich nicht mehr. muss für dich ziemlich ekelhaft sein, so nah am wasser.

nein gar nicht, sagte sein freund, komisch, aber wahr. es ist anders, als ich mir gedacht hatte.

beruhigend, dass du da bist. jetzt lachte er.

sag mal, ne bitte. ich meine, kannst du, könntest du... 

was denn?

kannst du mir schwimmen beibringen? 

Sonntag, 2. Mai 2021

Samstag, 1. Mai 2021

My siren

My siren is blue as the veins where she swims
For the moment she sleeps on mother-of-pearl
And on the ocean I create for her
She can visit the magic grottoes of preposterous isles
There some very foolish birds
converse with crocodiles who never finish up
And the very foolish birds fly above the blue siren
The crocodiles return to their drink
And the island doesn't come back
doesn't come back from where it's placed
where my siren and I have forgotten it
My siren has some very beautiful stars in her sky
Blonde stars with black eyes
Red haired stars with sparkling teeth
and dark stars with beautiful breasts
Each night three by three
alternating the color of their hair
These stars visit my siren
This makes for lots of comings and goings in the sky
But my siren's sky isn't an ordinary sky
My siren has seven boats on her ocean
Monday Tuesday Wednesday Thursday Friday
Saturday and Sunday
Some with steam the others with sails
Some rapid the others slow
But all beautiful all charming
with sailors who know their craft

My siren has soaps in all shapes and colors
To wash her lovely skin
My siren has many soaps
One for her hands
Another for her feet
One for yesterday
One for tomorrow
One for each eye
And that one for her scaly tail
And this other one for her hair
And another one for her belly
And another one for her back.

My siren sings for no one but me
I tell my friends to listen to her in vain
No one ever hears her
Except one, only one
But though his air is sincere
I mistrust him, he might be a liar

Robert Desnos, translated by Amy Levin
(French Surrealism)