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Mittwoch, 12. August 2015

shine

wie oft er daran vorübergegangen war, konnte er nicht mehr zählen. zu oft. und jedesmal hatte er sehnsucht in sich getragen, die zu stark war. die ihn fast auffrass. schlimmer als heimweh, grausamer als trauer. das gefühl, endgültig verloren zu haben. und jedesmal, wenn sein verstand die gefühle zu beherrschen begann, kroch dieser unglaubliche zynismus in seine gedanken und dann war es wieder soweit - er würde wieder mal nach hause gehen und eine unruhige nacht haben, schlecht schlafen ... er ging jetzt sehr früh schlafen, denn welchen sinn hätte es noch, die nacht bewusst zu erleben? er wanderte nicht mehr gern durch die strassen und suchte nicht mehr nach nach wundern und poeten, nach schatzkarten und wegweisern, er sah auch nicht mehr träumend aus dem fenster, ein glas wein vor sich und den notizblock auf dem tisch, der irgendwann im lauf der nacht mit gedanken und gedichten gefüllt wurde. er sah eigentlich gar nichts mehr richtig an. und die träume von früher waren relikte wie aus museen. sie waren wunderschön, aber was hatten sie noch mit ihm zu tun? im prinzip gar nichts.

heute jedoch schien es ein wenig anders zu laufen als sonst. er war rein zufällig in der gegend gewesen und hatte seine schritte gedankenlos dorthin gelenkt, wo er vor langer zeit einmal daheim gewesen war. und er stand da, starrte in die dunkelheit und versuchte, sich zu erinnern. drängte zynismus und schlechte gedanken zurück. samtige dunkelheit, von weit weg leises reden und lachen, gläserklirren. menschen, die auf einer dachterrasse den sommerabend verbrachten, zusammen tranken, feierten. die den mond betrachteten, die sterne, die sich verliebten, in die anderen um sich und wohl auch in sich selbst, menschen, die ihm plötzlich vertraut waren. er verstand gut, wie sie sich fühlten. er vermisste sein früheres leben zu sehr, das wurde ihm klar. er hatte nicht mehr die möglichkeit, sich irgendein arschlochverhalten überzuwerfen wie ein hässliches kleidungsstück, eine art stealth-mantel, der ihn und sein wesen verbarg, vor allem vor sich selbst. er fühlte sich ganz. geborgen in der nacht, seinen gedanken nicht mehr ausgeliefert, sondern seine gefühle erlebend und zum ersten mal seit einiger zeit vom herzen her lächelnd. während das leise reden und lachen, die geräusche einer warmen, weichen sommernacht ihn wegtrugen. wie von selbst betrat er die dunkle gasse und dort war es, das alte, grosse haus mit der wunderschönen fassade, das er die ganze zeit vermisst hatte.

er betrachtete das schild über dem eingang, schüttelte lächelnd den kopf. so lange her. egal. so egal, das glaubt man kaum. egaler als egal. er setzte sich in den dunklen eingangsbereich und lehnte sich mit dem rücken an die tür. zündete sich eine zigarette an, die erste seit einer kleinen ewigkeit, zog seinen notizblock aus dem rucksack und begann, seine gedanken aufzuschreiben, während er genüsslich rauchte...

Sonntag, 23. November 2014

es wurde langsam zu kalt für die langen spaziergänge durch’s viertel. den schatten zuzusehen, wie sie sich hinter vorhängen bewegten, den versprengten spaziergängern ein, zwei sätze abzuringen und eventuell eine zigarette, die papierfetzen zu betrachten, wie sie vom wind bewegt über den asphalt der strasse tanzten.. immer noch war es herbst, die strasse glänzte dunkel vom regen, doch bald würde der winter kommen und die stadt für eine lange nacht in weiss hüllen, jede spur dreck verbergen, für ein paar perfekte stunden, in denen etwas uraltes in der luft lag. eine art magie, aber vielleicht war es mehr als das. der erste flockenfall des jahres. er freute sich wie ein kind darauf und trotzdem war er traurig, dass der herbst zu ende gehen musste. ein teil eines puzzles, das jetzt nicht mehr in der schachtel bei den anderen lag, sondern fein und ordentlich schon einen teil des bildes ergab, das er gerade mühevoll zusammenbaute. und irgendwann würde auch das fertige bild verschwunden sein, nur würde er es nicht mehr merken. hoffte er. vielleicht würde etwas noch besseres auf ihn warten. vielleicht war es schon da, oder kündigte sich schon an, nur konnte er es nicht erkennen.

Sonntag, 7. September 2014

und wenn du schläfst

und wenn du schläfst, ereignet sich ein wunder
und wenn du atmest und träumst und lebst
ereignet sich ein wunder
ein leiser ton, den du manchmal nicht mehr hörst
ein orgelton wie in einer stillen kirche
und du schläfst und du träumst und du betest
ohne es zu wissen

wenn du erwachst und den traum abstreifst
der dich im schlaf lächeln liess
umhüllst du dich mit einem mantel aus grau
und all die farben die töne
die tausend wunder
lässt du zurück, um dem neuen tag zu begegnen

doch manchmal ist ein blick in deine augen
wie die reflektion von licht im
fenster einer stillen kirche
ich sehe flüchtig hin und verharre
dann weiss ich
wir träumen immer noch

Donnerstag, 3. Mai 2012

zurück in dark city. unkoordiniert, so als würde ein blinder versuchen, sich in einer fremden umgebung zurechtzufinden. in manchen gassen wünschte er sich ein nachtsichtgerät. die nacht war hier dunkler und dichter als sonstwo. aber durch eine dieser gassen musste er, um zu seiner lieblingsbar zu gelangen, die nach mitternacht noch offen hatte. die gasse war stockdunkel, die letzte strassenlaterne hatte vor einiger zeit ihren geist aufgegeben. trotz dunkelheit blieb er mitten in der gasse stehen, und zündete sich eine zigarette an. er sah vor sich hin, betrachtete den boden, seine schuhe, die pfütze regenwasser in der gosse. er rauchte und sah vor sich hin, mehr tat er minutenlang nicht. dann, mit einem grossen seufzer, der sein ganzes innenleben auszufüllen schien, hob er den blick empor zu einer der hausfassaden.

ein altes haus, herrschaftlich, noch immer prächtig. die fenster hoch, dahinter meterhohe räume. er fühlte müdigkeit und sehnsucht und so blieb er stehen, fühlte die kälte nicht, und bemerkte auch nicht, dass es zu regnen begonnen hatte. das eine fenster, zu dem er hinaufblickte, unterschied sich nicht von den anderen fenstern des hauses, und doch fixierte er es, als würde er nach einem stern ausschau halten. regen, der nachtwind und hinter einem schwarzen fenster der stern, der tief schlief, wahrscheinlich zur seite gebettet, wie sie es immer tat, hinter ihren augenlidern noch die erinnerungen an den vorigen tag, und er hoffte, es waren schöne erinnerungen, bessere als seine. er lächelte, während der regen über seine wangen lief. er würde noch ein, zwei drinks zu sich nehmen und dann wieder dieselbe gasse zurückgehen. vorbei an seiner heimat, zurück in seine wohnung gehen und dann betrunken genug sein, um einzuschlafen.

Montag, 30. April 2012

and everybody hurts
the price for being alive


gerade ist es ruhig in dark city. ich träume mich einem neuen morgen entgegen,
im schatten eines hauseingangs verborgen. in weiter ferne sehe ich lichter blinken
rot grün neonfarben
sie sind so weit weg, wie eine halluzination am horizont
eine megacity, eine auslöschung
das einzige was bleibt, sind die schritte des engels in den strassen
sein atem haucht frostspuren auf die auslagen der geschäfte,
sein faszinierter blick bleibt an einem gegenstand im fenster eines ladens hängen
es ist ein roter stern

...


so viel schmerzen murmelt er
und wendet sich ab
sein lächeln ist der schnitt in mein herz
manchmal ist die sehnsucht das einzig lebendige in uns

Donnerstag, 1. Dezember 2011

ihr bruder war ein kaufmann

der lampion war immer sein liebstes gewesen, wie ein zweiter mond, hatte er gesagt und sich denselben gekauft,
obwohl es ihn mühe gekostet hatte, den händler ausfindig zu machen,
der inzwischen schon einige male umgezogen war, umziehen hatte müssen, sein geschäft, das sich immer im souterrain alter häuser befunden hatte, war jedes mal von den wassermassen des monsun geflutet worden
was man den alten möbeln ansah, die einst farbenfrohe malerei war inzwischen verblasst, die einstige pracht vergangen
und doch schleppte er die möbel immer mit, erbstücke, sagte er, seit hunderten von jahren in seiner familie befindlich,
er sagte, er würde sie auf seinem rücken tragen, doch man sollte alten männern nicht alles glauben,
vor allen denjenigen nicht, die einst zur see gefahren sind
ganz oben auf dem hölzernen schrank sass ein gemalter blauer schmetterling, den das hochwasser nicht erreicht hatte
über dem schmetterling hing ein grosser weisser lampion, der bei jedem luftzug in der luft zu tanzen schien und der schmetterling schlug mit seinen flügeln, wenn keiner hinsah
der blaue schmetterling hatte seinen zwilling im hügelland von china zurückgelassen, manche reisende stellten fest, dass die hügel des landes den toskanischen hügeln ähnelten, obwohl sie nicht so grün waren, das wilde grün war eindeutig chinesischer, das patinierte grün hingegen toskanischer herkunft
auf einem geschnitzten kasten, der die aussteuer eines chinesischen mädchen enthalten hatte, sass der zwillingsschmetterling mit den blauen flügeln und er sass meist reglos
das mädchen war zur alten frau geworden und der aussteuerschrank verschlossen und nie wieder geöffnet worden, nachdem ihr verlobter zur see gefahren und nie wiedergekehrt war

ihr bruder war ein kaufmann, der nichts fürchtete ausser den langen regentagen des monsun, erzählte sie immer wieder, dabei hätte er schon längst nach hause kommen können, doch wilde seelen hält nichts daheim, schon gar nicht, wenn es die seelen von menschen sind, die tiermasken tragen
manchmal trägt sie eine schmetterlingsmaske oder einen vogelkopf, ihr bruder hingegen trägt das gesicht einer katze
er ist über achzig erzählt sie und sein geschäft geht gut, er trinkt jeden tag kräuterlikör und kaut ginseng
er ist unsterblich sagt sie und der blaue schmetterling lässt die flügel vibrieren bis sie weint
glaubst du, fragt sie den schatten hinter ihrem bett, der vom mondlicht des weissen lampions nur sachte berührt wird,
ja, glaubst du, dass er recht hatte und wir unrecht
glaubst du, dass er im recht war
der schatten fliegt davon, über die täler und das schwarzgrün der nächtlichen wiesen und wälder, während sie ihm mit einem blütenbestickten taschentuch nachwinkt
das taschentuch mit den rosaroten blüten wurde einst von einem blinden mädchen bestickt, ein mädchen mit händen, so zart wie die hände eines kleinen kindes
die hände waren weiss wie milch und manchmal perlte ein winziger blutstropfen auf einer fingerspitze
manchmal landete der blutstropfen auf dem seidenweiss des stoffes, doch meistens schleckte sie ihn auf, mit ihrer rosigen langen zunge, die wie die zunge einer katze war
ich kann bei dunkelheit arbeiten, sagte sie, doch leider kann ich den weissen lampion nicht sehen, von dem ihr immer sprecht,
der, dessen licht dem mondlicht ähnelt, das ich jedoch sehen kann
es ist alles, was ich sehen kann, sagte sie
es ist wie gefrorene milch.

Mittwoch, 10. August 2011

es gibt menschen, an denen du einfach vorübergehst
vielleicht weil es menschen ohne geheimnisse sind
oder weil ihr licht nicht ausreicht, um dich zu fesseln
manchmal bleibt eine nächtliche strasse einfach das,
was sie dem schein nach ist: eine nächtliche strasse
und kein zauberbild, das dich wie ein mondstrahl aus finsterem himmel blendet--
dann schmerzen die nächte und die strasse wirkt endlos lang
schatten treiben an dir vorüber, du bemerkst sie nicht


nur einer von ihnen, den zauberern, verwandelt eine regennacht in ein flirrendes lichtermeer
eine neondunkle bar wird zum ort geheimer treffen
eine graffittibesprühte wand zum wegweiser, zur schatzkarte, die dir deine träume wiederbringt

lächelt der mensch, der am hellerleuchteten fenster steht, nicht gerade zu dir herunter?
murmelt dir zu, dass gerade du in diesem einzigen moment dieser nacht
für ihn der stern bist,
der stern, auf den er immer gewartet hat
sein leben lang

Samstag, 14. Mai 2011

das gift der uralten sterne

ich sitze in einem wunderschönen schrein und sammle gegenstände, die ich mit weissen handschuhen anfasse, zu kostbar sind sie, zu gefährlich wäre es, sie mit blossen händen zu berühren, für sie, für mich. ihr gift ist köstlich, bezaubernd, ihre scharfen kanten und zersplitterten oberflächen reissen schnitte in die oberfläche meiner handschuhe, doch sie ritzen meine haut nicht. noch nicht. ich berühre sie vorsichtig, taste mich an sie heran. wie gern würde ich sie mit blossen händen berühren. wie gern würde ich erfahren, wie es ist, an diesem gift, das das köstlichste auf erden ist, zu sterben. ich weiss, dass man solches gift nur in entlegenen gebieten der welt finden kann, eventuell noch im tropischen regenwald. woher das gift wirklich stammt, wissen einige, doch sie werden nichts darüber sagen. ich denke an eine glitzernde galaxie, an sterne, die ihr licht ins all versprühen wie regen.

geblendet taumle ich zum fenster, reisse es auf, atme die nachtluft ein. der himmel, denke ich noch, der himmel hat heute eine seltsame farbe. wie kann dieses dunkle violett entstehen? das violett einer orchidee. die schläfer, die den odem einatmen, sprechen im schlaf. wenn ihr ihnen zuhört, werdet ihr dinge erfahren, die ihr immer wissen wolltet. doch das gemurmel der schläfer verhallt still im dunklen abgrund der nacht, wird wieder eingeatmet, wie ein sich immer wiederholendes gedicht, das jeder kennt, aber niemand aussprechen kann. worte, die uns im traum streifen, die beim erwachen vergessen sind. das süsseste gift, und so unendlich schmerzhaft. lasst uns die träumer belauschen. lasst uns in ihre träume steigen, angeseilt, mit grubenlampen und einem kompass, der in richtung mond zeigt. sammeln wir wieder die träume ein, die sie ausatmen. ich fühle mich wie ein toter heute nacht, der himmel ist dunkelviolett und giftig, und in meiner totensprache flüstere ich heute nacht in die seelen der träumer. ein spitzenvorhang weht im wind aus einem fenster, ich betrachte ihn und beginne, zu weinen.

Freitag, 15. Oktober 2010

der schlafwandler

die rotunde glänzte regennass, vom mondlicht beschienen, er stand im schatten der alten schiefen häuser, darüber der mond, bleich, knochenbleich, und er lauschte, zu den alten häusern empor, zum fenster, dem einen
unter dem er schon oft gestanden, traumverloren, schlafwandelnd, voller hoffnung

er lauschte zu dem einen fenster empor, das geöffnet war, dahinter die blanke schwarze leere eines mitternächtlichen zimmers
der vorhang wehte heraus, aus dem fenster, im nachtwind, ein flügel, ein engelsflügel aus zartem spitzengewölk, flatterte im nachtwind als nebelphantom

dahinter das zimmer in mitternächtlicher schwärze
und er
voller hoffnung
im schatten verborgen

Dienstag, 18. Mai 2010

rebell

warum zitierst du eigentlich so oft gedichte? ich meine, was bringt es dir, hier in dieser drecksstadt von den alten romantikern wieder und wieder anzufangen, so als wäre hier noch alles..
in ordnung?
so ungefähr, ja. in ordnung, könnte man so sagen. hast du keine gefühle?
was soll das wieder heissen, hast du keine gefühle? ich hab genug gefühle, darum liebe ich diese gedichte ja so.
ich denke, nur ein gefühlloser mensch kann es ertragen, solche gedichte zu lesen.
was im prinzip schon mal ein widerspruch an sich ist.
hast du..ich meine..hast du kein herz? das dir gerade bricht? wie kannst du es ertragen, von mondlicht und sternen zu faseln, von wäldern und menschen, die auf diese obszöne art und weise so ehrenhaft sind, dass ich kotzen könnte, wie packst du das? schau dich doch mal um, mann, und sag mir, ob es nicht absolut lächerlich ist, hier noch an solche dinge zu glauben. und das machst du auch, oder? du glaubst daran. stimmt's? du tust das.
und hier ist auch schon die lösung des widerspruchs. ich glaube dran, da hast du recht. darum bricht mein herz auch nicht, wie du es so schön poetisch ausgedrückt hast. du hingegen...
was, ich?
du glaubst nichts davon. du hoffst nicht, du glaubst nicht, du hast keinen weg, den du trotz dieser verwirrung, die hier überall herrscht, gehst.. unbeirrt gehst, weil du genau weisst, dass es diesen weg gibt, egal zu welcher zeit wir gerade geboren wurden. du bist zwar nicht innerlich tot, sonst wärst du abgestumpft und dein herz würde sich nicht anfühlen, als würde es gerade brechen. aber du bist fast tot. du steckst zwischen hohen mauern fest und kannst dich nicht mehr bewegen. hast du nicht das gefühl, gefangen zu sein?
könnte man so sagen, ja. und immer wieder gegen mauern zu rennen, und mir den kopf blutig schlagen, und was am schlimmsten ist, das alles auch noch ohne sinn. irgendwann dachte ich, ich lasse es sein. die mauern sind nun mal da und es gibt keinen weg raus. man muss sich damit abfinden.
du hast etwas übersehen. etwas wirklich wichtiges, das sogar in den romantischsten gedichten immer wieder vorkommt. man findet sich nicht mit situationen ab, die schlecht sind. es sind alles rebellen, die da drin vorkommen.
ja, rebellen des geistes, vielleicht, ja. aber was bringt es, ein rebell des geistes zu sein?
das wort nimmt gestalt an. zuerst war immer das wort. kennst du sicher, oder. stammt aus der bibel. ganz wichtige worte.

alter, irgendwie kommt mir vor, als würde ich am meer stehen, gerade jetzt, und da wären da nur das meer, und du, und ich, und ich könnte einfach so sagen, ich will mein leben so und nicht anders leben, und all das würde einfach so klappen. lächerlich, oder?
nur dann lächerlich, wenn lächerlich in diesem zusammenhang heisst, dass du wirklich was kapiert hast. ich würde sagen, du hast was gecheckt.
ok, nehmen wir mal an, ich wäre ein rebell des geistes. ich hab dinge im kopf wie du. ehrenhaftigkeit, ewige suche nach gleichgesinnten und liebe zu menschen und zur natur, was bringt es mir letztendlich ein? ausser immer wieder enttäuscht zu werden?
mh..die enttäuschungen kann ich dir garantieren. die kommen auf dich zu wie das amen im gebet. du erträgst sie und hältst den kopf hoch, du trägst es mit würde und du fängst immer wieder bei null an, egal, was da noch passieren wird. irgendetwas undefinierbares gibt dir kraft, das alles zu packen.
und irgendwann lese ich deine gedichte, ohne dran zugrundezugehen, was?
irgendwann liest du meine gedichte, ja. und irgendwann schreibst du deine eigenen.

ich und gedichte, oh mann. am liebsten würde ich jetzt die mauern volltaggen, ich würd denen gern sagen, was ich von ihnen halte, den säcken da oben. und ich würd worte wählen, die sie betroffen machen, verstehst du? die ihnen ..
das herz brechen?

ja.
verdammt...ja!

Montag, 10. Mai 2010

Why I do not see here the ships...

Why I do not see here the ships
With sails from the Southern seas?
Why there is no wind and I cannot hear the waves?
All I want is to leave and be with you forever…
My house is like a stone tomb
I feel daft and blind
And I can only see that winter night,
This fear of black streets where you go away…

R. Lutsenko

Dienstag, 23. März 2010

der rote stern

die strasse ist dunkel. sehr dunkel. ein eisiger wind pfeift und fährt unter meinen ledermantel, der wind weht mir fast die zigarette aus der hand. ideale voraussetzungen für einen spaziergang durch die strassen von d.c. ich stapfe die strasse entlang und vermeide es, auf die eisigen stellen zu steigen. mein atem verweht, eine spur wärme, nur eine spur, dann nichts mehr.
ein japanisches restaurant, mit sternen im fenster. ich denke noch, wie seltsam. fast zu romantisch für ein japanisches restaurant. ich bleibe vor der auslage stehen, betrachte die sterne und bemerke, dass sie aus feinem papier gefaltet wurden. eine junge frau sitzt mit dem rücken zu mir auf dem boden im lokal. sie ist allein im raum, der einzige gast, aber wahrscheinlich handelt es sich um die besitzerin des ladens. um diese zeit und bei diesem wetter ist es kein wunder, dass niemand mehr unterwegs ist. das bild der frau im hellen licht wirkt seltsam beruhigend auf mich, heimelig, und wunderschön. wie sie so dasitzt, ihr gerader rücken, das lange, schwarze haar, das ihr über den rücken fällt. rund um sie verteilt liegen bögen aus papier. ich sehe erst jetzt, dass sie papier faltet. wahrscheinlich die sterne für die schaufenster-dekoration.
ich habe lust, ans fenster zu klopfen und sie auf mich aufmerksam zu machen.
in diesem augenblick dreht sie sich um und sieht mich durch die fensterscheibe an. ich winke, doch sie erwidert meinen gruss nicht. sie starrt ausdruckslos durch mich hindurch. in der hand hält sie einen grossen, roten stern.
sie ist blind.

ich fühle mich geborgen in ihrem blick. und sie scheint mich auf irgendeine art zu sehen. sie scheint mich zu spüren.
langsam streckt sie die hand aus und hält mir den stern entgegen.
ein teil von mir möchte in diesem moment nur rennen. weg von hier, zurück in die kalte, windige strasse und weiterlaufen, bis ich nicht mehr kann.
und doch möchte ich zu ihr.
ich will den stern.
mein entschluss ist schnell. spontan, wie alles in dieser nacht. ich werde das lokal betreten und dort der einzige gast sein. und ich möchte ihre geschichten hören, spüren, wie sie sich in meinen arm schmiegt wie eine katze.
ich kratze an der tür und sie erhebt sich mit einer geschmeidigen bewegung, um mir zu öffnen.
zwischen uns brennt der rote stern
sein feuer ist alles, was ich wollte, in dieser nacht.


image source: http://deperthes.tumblr.com/post/459546701


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wie viel zeit vergangen ist, kann er nicht sagen. es ist angenehm warm, so angenehm, dass er immer wieder einnickt, dann kommen wieder wachzustände, unterbrochen von klarsichtigen momenten, abwechselnd, hin und herdriftend zwischen bewusstem erleben und unbewusstem handeln, am schluss nur noch das klare sehen nach innen, ohne die hoffnungslosigkeit des traumes. das einzig reale scheint der rote stern zu sein, den er vor sich auf dem tisch sieht, aber sogar der rote stern verändert seine konturen, wird ab und zu zu einer flamme, dann wieder zu einer blüte. und doch weiss er, dass die form und selbst die farbe des sternes vielschichtig ist, dass der stern selbst im grunde nur aus licht besteht
kann es sein, dass man verändert wird, wenn man ihn anfasst?
gibt es langzeitfolgen? fragt er spontan und findet sich selbst wieder mal unsagbar dämlich. wie könnte die frau auch wissen, was er mit langzeitfolgen meint. sie lächelt. es ist ja nur ein stern, sagt sie achselzuckend. gerade darum, antwortet er. was weiss man schon von ihm?
er hat dich aus der kälte gelockt, sagt sie. mit seiner macht hat er dich angezogen. und du weisst, was seine macht ist?
er erinnert sich. an alle tränen, die er immer vergossen hat, um den verstreuten sternenstaub, der sich in unzähligen menschen wiederfindet. wie oft er für sie gebetet hat, ihnen seine letzte kraft gegeben hat.

es war doch alles umsonst. sagt er bitter.
ist es umsonst, wenn ein stern leuchtet? fragt sie.
er sieht sie stumm an.