Sonntag, 11. Dezember 2011

Grauschleier

Das Haus ist weit draussen, kilometerweit von der nächsten Ortschaft entfernt, umgeben von hohen Zypressen und etwas niedrigeren Obstbäumen, die sich über das weitläufige Anwesen verteilen. Bei Nacht kann es einsam werden. Sehr einsam.


In einen südländischen Frühling duckt sich etwas so Grauenhaftes, Dunkles, etwas, das die Farben des Frühlings auslöscht zu völliger Farblosigkeit, nein, eher zu monochromen Farben, wie Bilder, die ein Augenkranker sehen mag. Jemand, der Farben nicht mehr sehen, sich aber noch daran erinnern kann, und dessen Erinnerung langsam verblasst. Im Zentrum des Hauses herrscht blendendes kaltes Weiss. In das Haus kommen die Toten, dort beginnt ihre langsame Reise ins Vergessen.

Die Farben werden von metallischen Tönen überzogen, sie wirken stumpf und abgestorben. Unter der Berührung der Toten stirbt jedes Blatt, wird von Silbergrau überzogen, als wäre es von Parasiten befallen, die dem Blatt die Lebensenergie entziehen, zuerst dem Blatt, dann der Pflanze. Silberne Blätter leuchten im Mondlicht, Staub tanzt in der Luft, knisternde, raschelnde Geräusche entstehen, wenn sich staubtrockene Blätter einrollen.. ununterbrochen raschelt und knistert es, mondsüchtige, weisse Triebe spriessen aus der Erde wie Finger. Etwas weiter weg vom Haus stehen schwarze Zypressen und verkrüppelte Olivenbäume, die ineinander verschlungen wachsen und eine Mauer aus schwarzem Wurzelwerk bilden, undurchdringlich, verkrüppelt, bei Mondlicht eigentümlich gnom-ähnlich.

Ein breiter Aufgang führt zum Haus, eine Freitreppe, dann ein grosses Tor. Hoch türmt es sich. Die Tür ist unversperrt oder der Schlüssel steckt im Blumentopf in der trockenen Erde. Man weiss es instinktiv, greift automatisch danach und zieht ihn an seinem reichverzierten Griff aus der Erde. Ein grosser Schlüssel, schwarz, aus Eisen wie das Tor. Die Fensterscheiben sind grau und stumpf, als wären sie von innen beschlagen oder mit oxydiertem Metall beschichtet, das Licht dringt gefiltert ein, auch das Mondlicht erhält so eine eigene Qualität, es gleicht grauem Regen.
Es regnet oft. Dann spriessen die mondsüchtigen, bleichen Triebe unter den Fenstern und ums Haus.

Dort im Mondlicht zu sitzen ist traurig und melancholisch, alles ist zu grau geworden. Man wartet. Während alle Erinnerungen verblassen, alle Farben langsam schwinden, der Geist sich leert. Im grauen Regen, im Zwielicht, man sitzt am Fenster, nicht mehr wartend, man wüsste nicht, worauf. Vielleicht wird man sich dann erheben und den Korridor entlanggehen, der zum Zentrum des Hauses führt. Während das Haus und der seltsame Garten sich selbst auflösen, die Wände verblassen und durchscheinend werden...der Korridor, durch den man vor kurzem noch gegangen ist, verschwindet wie ein verblassender Traum 5 Minuten nach dem Aufwachen.

Samstag, 10. Dezember 2011

"To be here is to enter a world that slips in and out of time, a world of decay and transcendant beauty. Structures set on an ancient grid lie derelict, dreaming in the subtropical heat. The brilliant light of mid-day reveals brick and stucco drenched in muggy pinks and brilliant scarlet, facades broken only by shuttered casements and the cast-iron grillwork of haunted balconies. These are not idealized structures. Their beauty is of another sort, composed of cracks, stains, and layers of peeling paint, an aesthetics of erosion and neglect."

Dirk Hine über New Orleans

Donnerstag, 1. Dezember 2011

ihr bruder war ein kaufmann

der lampion war immer sein liebstes gewesen, wie ein zweiter mond, hatte er gesagt und sich denselben gekauft,
obwohl es ihn mühe gekostet hatte, den händler ausfindig zu machen,
der inzwischen schon einige male umgezogen war, umziehen hatte müssen, sein geschäft, das sich immer im souterrain alter häuser befunden hatte, war jedes mal von den wassermassen des monsun geflutet worden
was man den alten möbeln ansah, die einst farbenfrohe malerei war inzwischen verblasst, die einstige pracht vergangen
und doch schleppte er die möbel immer mit, erbstücke, sagte er, seit hunderten von jahren in seiner familie befindlich,
er sagte, er würde sie auf seinem rücken tragen, doch man sollte alten männern nicht alles glauben,
vor allen denjenigen nicht, die einst zur see gefahren sind
ganz oben auf dem hölzernen schrank sass ein gemalter blauer schmetterling, den das hochwasser nicht erreicht hatte
über dem schmetterling hing ein grosser weisser lampion, der bei jedem luftzug in der luft zu tanzen schien und der schmetterling schlug mit seinen flügeln, wenn keiner hinsah
der blaue schmetterling hatte seinen zwilling im hügelland von china zurückgelassen, manche reisende stellten fest, dass die hügel des landes den toskanischen hügeln ähnelten, obwohl sie nicht so grün waren, das wilde grün war eindeutig chinesischer, das patinierte grün hingegen toskanischer herkunft
auf einem geschnitzten kasten, der die aussteuer eines chinesischen mädchen enthalten hatte, sass der zwillingsschmetterling mit den blauen flügeln und er sass meist reglos
das mädchen war zur alten frau geworden und der aussteuerschrank verschlossen und nie wieder geöffnet worden, nachdem ihr verlobter zur see gefahren und nie wiedergekehrt war

ihr bruder war ein kaufmann, der nichts fürchtete ausser den langen regentagen des monsun, erzählte sie immer wieder, dabei hätte er schon längst nach hause kommen können, doch wilde seelen hält nichts daheim, schon gar nicht, wenn es die seelen von menschen sind, die tiermasken tragen
manchmal trägt sie eine schmetterlingsmaske oder einen vogelkopf, ihr bruder hingegen trägt das gesicht einer katze
er ist über achzig erzählt sie und sein geschäft geht gut, er trinkt jeden tag kräuterlikör und kaut ginseng
er ist unsterblich sagt sie und der blaue schmetterling lässt die flügel vibrieren bis sie weint
glaubst du, fragt sie den schatten hinter ihrem bett, der vom mondlicht des weissen lampions nur sachte berührt wird,
ja, glaubst du, dass er recht hatte und wir unrecht
glaubst du, dass er im recht war
der schatten fliegt davon, über die täler und das schwarzgrün der nächtlichen wiesen und wälder, während sie ihm mit einem blütenbestickten taschentuch nachwinkt
das taschentuch mit den rosaroten blüten wurde einst von einem blinden mädchen bestickt, ein mädchen mit händen, so zart wie die hände eines kleinen kindes
die hände waren weiss wie milch und manchmal perlte ein winziger blutstropfen auf einer fingerspitze
manchmal landete der blutstropfen auf dem seidenweiss des stoffes, doch meistens schleckte sie ihn auf, mit ihrer rosigen langen zunge, die wie die zunge einer katze war
ich kann bei dunkelheit arbeiten, sagte sie, doch leider kann ich den weissen lampion nicht sehen, von dem ihr immer sprecht,
der, dessen licht dem mondlicht ähnelt, das ich jedoch sehen kann
es ist alles, was ich sehen kann, sagte sie
es ist wie gefrorene milch.

Sonntag, 27. November 2011

Sonntag, 25. September 2011

"The sea’s only gifts are harsh blows, and occasionally the chance to feel strong. Now I don’t know much about the sea, but I do know that that’s the way it is here. And I also know how important it is in life not necessarily to be strong but to feel strong. To measure yourself at least once. To find yourself at least once in the most ancient of human conditions. Facing the blind death stone alone, with nothing to help you but your hands and your own head."

Christopher McCandless: Into the Wild

Mittwoch, 17. August 2011

strawberry shortcake

Sie war endlich am Meer, sah endloses Grün, weisse Gischt, darüber den blauen Himmel und irgendwie war sie fast zu glücklich für einen allein.
Ja, sagte sie. Ja.Ja.Ja.
Es klang so komisch, dass sie lachen musste. Und immer, wenn sie lachen musste, bekam sie Hunger. Ein kleiner Stand mit rotweiss gestreiftem Sonnenschirm befand sich direkt gegenüber der Mole, über die sie gerade gekommen war. Sie bestellte einen Erdbeerpie, den echten Strawberry Shortcake, zum Mitnehmen, und ass ihn, während sie am Strand entlangschlenderte. Der Junge vom Stand sah ihr nach und lächelte. Eine echte Meerjungfrau, sie braucht kein Kostüm, keinen falschen Fischschwanz, keine Glitzerketten, nichts. Die ist echt, dachte er. Keine Frage. Schon wie sie ging und immer ein bisschen zu nah am Wasser, als würde sie die See magnetisch anziehen. Anscheinend war ihr egal, dass ihre Schuhe dabei nass wurden. Sie hatte diese ungezwungene Art, die er bei Frauen so mochte, sie war selbstsicher, aber nicht auf diese aggressive Art, die moderne Frauen heute zur Schau stellen, wohl nur, um ihre Unsicherheit zu überspielen. Er dachte daran, wie ein Date mit ihr sein mochte. Und sah ihr lange nach, bis eine ungeduldige Kinderstimme ihn aus seinen Träumen riss.

Eine kleine aufgetakelte Meerjungfrau, schon für die Mermaid-Parade aufgestylt, mit ihrer stolzen Mom im Schlepptau, die den Fotoapparat gezückt hatte, um jeden Schritt der Kleinen fürs Familienalbum festzuhalten. Natürlich musste er ebenfalls mit aufs Bild. Sein Lächeln fiel etwas dünn aus, aber er bemühte sich redlich, obwohl es ihm schwer fiel. Am liebsten hätte er den Stand im Stich gelassen und wäre der Frau von vorhin nachgelaufen, hätte irgendwo Blumen gekauft und wäre dann vor ihr gestanden, wie ein Schulkind, ausser Atem und verlegen. Wollen Sie mich heiraten? Er grinste. Sie würde wohl umkippen. Ich habe Sie vorhin zum ersten Mal in meinem Leben gesehen, und wollen Sie mich heiraten und mit mir viele kleine Meerjungfrauenkinder haben? Seltsam, aber es kam ihm plötzlich völlig normal vor, so zu handeln. Konnte gut sein, dass ihm der Wahnsinn, der hier ringsumher herrschte, langsam zu Kopfe stieg. Eine neue Fähre legte an und entliess eine Woge von Tüll, Satin und Bikinitops auf den Strand.

Die Mole war ein glitzernder Catwalk geworden, auf dem urbane Meerjungfrauen flanierten. Glitzerstaub flirrte in der Luft wie eine besonders schöne und tödliche Sorte von Feinstaub oder Smog. Er wischte sich über die Augen. Der Anblick war surreal. Barbiepuppen mit langem blondem Kunsthaar, viel nacktes gebräuntes Fleisch, einiges eindeutig falsch, Transvestiten, Models und Missen, Beachschönheiten mit perfekten Figuren.
Aber keine Meerjungfrauen, dachte er und wunderte sich über sich selbst. Keine einzige echte Meerjungfrau. Bis auf die eine, die er heiraten wollte. Er fragte sich, ob die Ehe mit einer Meerjungfrau komplizierter sei als eine normale Ehe mit einer normalen Menschenfrau. Und wie die Kinder aussehen würden. Hübscher als Menschenkinder. Natürlich. Er lächelte einer Barbiepuppe in Babyblau und Silber unbewusst ins Gesicht und zuckte zusammen, als sie sein Lächeln strahlend erwiderte und Anstalten machte, näherzukommen. Sie würde sowieso nur eins dieser Lightprodukte bestellen, das ekelerregende Diät-Erdbeereis, das momentan so beliebt war. Sie war wie alle hier, vorhersehbar, geistlos und unsagbar langweilig. Als sie an den Stand kam, bediente sie sein Kollege und er war dankbar dafür. Er täuschte vor, sie zu spät gesehen zu haben und zuckte lächelnd mit den Schultern, als sie wieder ging und ihm einen bedauernden Seitenblick zuwarf, dann war sie schon in der Menge verschwunden, was er garantiert nicht bedauerte. Er sah sie 10 Minuten später auf der Mole für Fotografen posieren wie ein Model. Es sah unsagbar bizarr aus, was sie da betrieb, denn sie hatte ihren Fischschwanz angelegt und hoppelte linkisch die Planken entlang wie ein gehbehindertes Kaninchen.


Ein leichter Wind kam auf und brachte Salz und eine Spur Sand, wahrscheinlich tödlichen Glitzersand vom Meerjungfrauengestade, der ihn für immer blenden würde, wenn er ihn in die Augen bekäme. Es kam natürlich genau so, wie er es vorhergesehen hatte, eine gehörige Portion salziger Sand zusammen mit dem hell gleissenden Licht drang mitten in seine Augen, und in der Woge von Licht und Wind, der vom Meer kam, stand sie plötzlich vor ihm am Stand und lächelte ihn an. Vielleicht hoffte er ja nur, dass sie es tat, sie schien jedenfalls zu lächeln. Im Moment konnte er eigentlich nur erkennen, dass es eindeutig sie war, er kannte ihre Umrisse, er hatte ihr ja lang genug nachgesehen. Ihr Abbild geisterte noch immer auf seiner Netzhaut herum, als wäre er ein Spiegel, in den sie geblickt hatte. Er kam sich sagenhaft dämlich vor. Stand vor ihr und wischte sich Sand und Tränen aus seinen Augen, die sicher verquollen waren, als hätte er Heuschnupfen.
Es war nicht zu fassen. Das Szenario, das er sich vorhin noch vorgestellt hatte, war plötzlich weit weg. Er, der Kavalier, der ihr wie in einem Kitschfilm Blumen überreichte und sie, wie sie erstaunt und ein wenig scheu nach den Blumen griff und dabei seine Hände berührte. Eine langfingrige Hand, die ein Papiertaschentuch hielt.

Er sah staunend auf diese zarten Finger. Sogar ihre Finger hatten etwas meerjungfrauenhaftes, sie waren schmal und elegant, sie trug einen goldenen Ring mit einem kleinen Seestern aus Türkis, der sich mit ihrer warmen leuchtenden Haut in wunderbarer Harmonie verband. Ihr Handgelenk schmückte ein schmaler Goldreifen. Natürlich hatte sie keine Schwimmhäute zwischen den Fingern. Vielleicht wuchsen sie ihr erst im Wasser.

Die bewundernswerte Hand wedelte nun nachdrücklich mit dem Taschentuch vor seinem Gesicht. Sah fast so aus, als würde jemand die weisse Fahne hissen, um zu signalisieren, dass er in Frieden gekommen war. Es war süss, wie sie vor seinem Gesicht herumwedelte. Vielleicht war er auch über und über mit Sand bedeckt, wer weiss. Er stellte sich vor, wie er als kleines Häufchen Sand hinter der Kuchenvitrine stand, und wie sie ihn gesehen hatte, die menschliche Sanddüne, und schon aus Mitleid herangekommen war, um ihm wieder seine menschliche Forum zurückzugeben. Sie war nicht sandig, natürlich nicht. Sie sah frisch aus wie gerade aus dem Wasser gehüpft.
Er nahm das Tuch an, murmelte verlegen seinen Dank und wischte sich den Sand aus den Augen.

Als er sie klar sehen konnte, war sein erster Gedanke: Sie ist zu schön für mich . Die Schneekönigin entführt den kleinen Kai, nur dass diese hier nicht mit Eis und Schnee und Rentieren und einem Schlitten ankommt, sondern mit grünen Meereswogen, gleissendem Licht und Seepferdchen, die ihren Wagen ziehen. Meerschaum. Blinkende Wellen. Er sah sie an.

Ihr Mund lächelte immer, er war an den Mundwinkeln hochgezogen, wie bei einem Delphin. Irgendetwas an ihr war anders als vorhin, als er sie zum ersten Mal gesehen hatte, doch genau konnte er es nicht sagen, es war eine subtile Veränderung, sicher nichts äusserliches.

Das Mädchen leuchtete von innen, als hätte sie Licht getrunken.


fortsetzung folgt...eines schönen tages

Mittwoch, 10. August 2011



Jindrich Pilecek - Shadow

es gibt menschen, an denen du einfach vorübergehst
vielleicht weil es menschen ohne geheimnisse sind
oder weil ihr licht nicht ausreicht, um dich zu fesseln
manchmal bleibt eine nächtliche strasse einfach das,
was sie dem schein nach ist: eine nächtliche strasse
und kein zauberbild, das dich wie ein mondstrahl aus finsterem himmel blendet--
dann schmerzen die nächte und die strasse wirkt endlos lang
schatten treiben an dir vorüber, du bemerkst sie nicht


nur einer von ihnen, den zauberern, verwandelt eine regennacht in ein flirrendes lichtermeer
eine neondunkle bar wird zum ort geheimer treffen
eine graffittibesprühte wand zum wegweiser, zur schatzkarte, die dir deine träume wiederbringt

lächelt der mensch, der am hellerleuchteten fenster steht, nicht gerade zu dir herunter?
murmelt dir zu, dass gerade du in diesem einzigen moment dieser nacht
für ihn der stern bist,
der stern, auf den er immer gewartet hat
sein leben lang

Montag, 30. Mai 2011

grüner kristall

"was bedeutet das meer für dich?", hatte sie gefragt und er hatte sie perplex eine zeitlang nur angesehen, so spontan war die frage gekommen, mitten beim dessert. sie waren essen gewesen, es war ein gelungener abend gewesen, mit kerzenlicht und allem, was dazugehörte. als das dessert vor ihnen stand, hatte er zugelangt wie ein firmling, obwohl er überhaupt keinen hunger mehr verspürte, sie aber hatte eine zeitlang aus dem fenster gesehen und vor sich hingesonnen. gar nicht ihre art. bei süssigkeiten konnte gerade sie sich nicht lang zurückhalten, aber sie war dagesessen, hatte ihr spiegelbild in der scheibe betrachtet, und sie hatte überlegt. lange überlegt.

sie hatte ihn danach merkwürdig angesehen. ein anflug von melancholie lag auf ihrer stirn, und sie hatte traurige augen, die im licht der kerzen sehr dunkel waren. man konnte das bernstein in ihren augen gar nicht mehr sehen, so dunkel waren sie plötzlich geworden. er verstand die frage wohl, aber nicht den grund für ihre plötzlich auftretende traurigkeit. der abend war vergnügt gewesen, sie hatten viel gelacht und bestens gegessen, als warum sollte sich ganz plötzlich ihre stimmung ändern? mit einem schlag. als würde eine kalte, traurige welle über sie hereinbrechen, sie überschütten mit grünem kristall.
wie kam er auf diesen ausdruck? grüner kristall.
kalter grüner kristall mit winzigen luftbläscheneinschlüssen, wie glas, dickes, schweres grünes glas, etwas, das den blick bannt. etwas faszinierend schönes. altes. uraltes.
"wer kennt den anderen schon wirklich", hatte er gedacht und eine leichte gänsehaut hatte sich auf seinen unterarmen gebildet. man lebt mit einem menschen jahrelang zusammen, aber dass man ihn dann kennen würde, kann man nicht wirklich behaupten.
er versuchte, auf ihre frage, die neue stimmung einzugehen, er dachte an den ozean und dass er ihm viel bedeuten würde, ja, aber nicht so viel wie ihr, das konnte er schon jetzt sehen. dass sie mit seiner antwort nicht wirklich zufrieden sein würde.

als er von seiner kindheit erzählte, dass er mit senen grosseltern immer am meer urlaub gemacht hatte, als die familie noch grösser war - er hatte tatsächlich gesagt, als wir noch alle beisammen waren, neigte sie den kopf, so leicht, beinahe unsichtbar, als würde eine königin einem von ihren untertanen zuhören und ihn auch verstehen, obwohl er ihr hemmungslos unterlegen war, aber sie nahm seine worte entgegen. lächelte. das traurigste lächeln der welt, dachte er, als wäre jemand gestorben und man würde sich an ihn erinnern, bei gesprächen und einem glas wein, als gelte es, einem geliebten verstorbenen seine aufwartung zu machen, ihn noch einmal zu fühlen, seinen geist, seine aura, bevor man ihn wieder gehen liess, bis zum nächsten mal.
die gänsehaut hatte sich inzwischen schon auf seinem rücken breitgemacht.

die leute im lokal hatten begonnen, sie anzustarren. auf eine merkwürdige art und weise. seine frau war sehr attraktiv und leute starrten immer, aber dieses mal...es war berührend und beängstigend zugleich. sie starrten, als würden sie etwas sehen, was sie nicht ertragen konnten. fassungslos. die frau am nachbartisch hielt ihr weinglas in der hand, in der bewegung zum mund festgefroren. das glas kippte leicht und einige tropfen rotwein landeten auf der weissen tischdecke, was sie jedoch nicht bemerkte. normalerweise amüsierte er sich prächtig, wenn anderen frauen seine frau anstarrten und irgendwie genau studierten, wie es eben nur frauen untereinander machten, aber diesmal war ihm nicht zum lachen zumute. eher im gegenteil. mit einem mal verstand er, dass er sie nie wirklich für sich gehabt hatte. dass sie frei war, niemandes frau, ohne bindung, ohne bezug zu seiner welt, er verstand, dass sie fremd war, wie ein alien, nicht unter ihresgleichen. etwas unsagbar kaltes ging von ihr aus, nicht die kälte eines leichnams, sondern kälter. von natur aus eiskalt. kalt wie ein fisch.
sie redete mit ihm und er verstand kein wort. sie war zu wundervoll, als sie so dasass, ihr das blonde weiche haar wie ein vorhang übers gesicht fiel, als sie sich vorbeugte, wie sie lächelte und wie ihre augen dabei traurig blieben. er glaubte nicht daran. wollte nicht daran glauben. er war kein kleines kind mehr. er konnte den gedanken nicht mal richtig zu ende denken, weil er sich vor sich selbst geschämt hätte, dass die frau, die er liebte, in dieser nacht zu einem wesen mutiert war, das es nur in mythen und legenden gab. wenn er ehrlich war, hatte es diese phasen schon einige male gegeben, nur nie so offen, nie so traurig und eindeutig. es war eine dieser nächte, in der sie stiller wurde, mehr für sich blieb, in der sie endlos draussen im garten war oder im mondlicht vor dem haus sass, träumend. verloren. ja, sie war völlig verloren. und sie war so schön, dass sie sie in stücke gerissen hätten, nur um sie zu besitzen. einen teil von ihr, und ihn am herzen zu tragen, als glücksbringer, als liebespfand, als kleine, traurige reliquie. einer meerjungfrau. einer magischen kreatur.

er wusste, dass ihre augen wie grüner kristall leuchteten. er hatte es schon gesehen, aber er wollte es nicht sehen, nicht verstehen. nie und nimmer. dass sie teil einer alten welt war und er nicht. dass sie heimweh verspürte, die er, obwohl er sie so schrecklich liebte, nie fortnehmen konnte, egal, was er tat. es würde immer zu wenig sein. er betrachtete seine traurige frau lange, griff über den tisch und nahm ihre kalte hand in seine. sie sah auf und da war es wieder, das funkeln, das grün, wie die wilde grüne see.

"was mir das meer bedeutet", sagte er schliesslich, und sie sah ihn stumm an. "es ist mein leben."
sie drückte seine hand, setzte zum reden an und brachte kein wort heraus. so sassen sie da, im zentrum der aufmerksamkeit und waren trotzdem wie auf einer insel, zu zweit.

er wusste nur, dass er sie liebte. es war alles, was er ihr geben konnte.
vielleicht war es ja doch genug.

Anouar Brahem - The astounding eyes of Rita / أنــور ابـراهــيــم


Samstag, 14. Mai 2011

das gift der uralten sterne

ich sitze in einem wunderschönen schrein und sammle gegenstände, die ich mit weissen handschuhen anfasse, zu kostbar sind sie, zu gefährlich wäre es, sie mit blossen händen zu berühren, für sie, für mich. ihr gift ist köstlich, bezaubernd, ihre scharfen kanten und zersplitterten oberflächen reissen schnitte in die oberfläche meiner handschuhe, doch sie ritzen meine haut nicht. noch nicht. ich berühre sie vorsichtig, taste mich an sie heran. wie gern würde ich sie mit blossen händen berühren. wie gern würde ich erfahren, wie es ist, an diesem gift, das das köstlichste auf erden ist, zu sterben. ich weiss, dass man solches gift nur in entlegenen gebieten der welt finden kann, eventuell noch im tropischen regenwald. woher das gift wirklich stammt, wissen einige, doch sie werden nichts darüber sagen. ich denke an eine glitzernde galaxie, an sterne, die ihr licht ins all versprühen wie regen.

geblendet taumle ich zum fenster, reisse es auf, atme die nachtluft ein. der himmel, denke ich noch, der himmel hat heute eine seltsame farbe. wie kann dieses dunkle violett entstehen? das violett einer orchidee. die schläfer, die den odem einatmen, sprechen im schlaf. wenn ihr ihnen zuhört, werdet ihr dinge erfahren, die ihr immer wissen wolltet. doch das gemurmel der schläfer verhallt still im dunklen abgrund der nacht, wird wieder eingeatmet, wie ein sich immer wiederholendes gedicht, das jeder kennt, aber niemand aussprechen kann. worte, die uns im traum streifen, die beim erwachen vergessen sind. das süsseste gift, und so unendlich schmerzhaft. lasst uns die träumer belauschen. lasst uns in ihre träume steigen, angeseilt, mit grubenlampen und einem kompass, der in richtung mond zeigt. sammeln wir wieder die träume ein, die sie ausatmen. ich fühle mich wie ein toter heute nacht, der himmel ist dunkelviolett und giftig, und in meiner totensprache flüstere ich heute nacht in die seelen der träumer. ein spitzenvorhang weht im wind aus einem fenster, ich betrachte ihn und beginne, zu weinen.

Montag, 9. Mai 2011

"Life will break you. Nobody can protect you from that, and living alone won’t either, for solitude will also break you with its yearning. You have to love. You have to feel. It is the reason you are here on earth. You are here to risk your heart. You are here to be swallowed up. And when it happens that you are broken, or betrayed, or left, or hurt, or death brushes near, let yourself sit by an apple tree and listen to the apples falling all around you in heaps, wasting their sweetness. Tell yourself you tasted as many as you could."

Louise Erdrich (The Painted Drum)

Mittwoch, 4. Mai 2011

der engel des anbrechenden tages

in einem abteil weiter vorn im zug. die vorhänge an der tür sind halb zugezogen, sie flattern im luftzug, das fenster steht offen. jemand liegt auf der bank und sieht hinaus. ein mädchen, ganz allein.

sie trägt eine kurze hippiebluse mit rotem blütenmuster zu dunkelblauen jeans, die an ihren hüftknochen hängt, dunkelblau, retro, mit abgewetztem stoff, auf dem geschliffene bunte glasperlen funkeln wie kleine verirrte sterne, wunderschön wie alles, was sie trägt, zwischen sehr schäbig und sehr glamourös, nicht grad stylish, sondern mehr, niveauvoll auf eine art und weise, die man nicht auf den ersten blick erkennen würde, auf den zweiten blick umso mehr, aber dann kann man ohnehin nicht mehr wegsehen, von dieser erscheinung, die elfengleich oder wie einer dieser unfassbar schönen rockstars einfach nur enspannt auf der bank liegt und gleichzeitig so aussieht, als würde sie posieren. bei ihr sieht alles wie pose aus, alles was sie tut, und wenn sie nur beim bäcker baguettes kauft. wahrscheinlich, weil sie elegant ist, zart und mit langen gliedmassen, elegant von natur aus.

an ihrem hals hängt ein lederband mit einem silbernen blüten-anhänger, der nach flohmarkt aussieht oder nach einem dieser wirklich guten juweliere, die schmuckstücke herstellen, die nach flohmarkt aussehen, und wieder muss man daran denken, wie es ist, einfach so am frühen sonntag morgen über den flohmarkt zu schlendern, mit wenig geld aber viel zeit, und dem tag beim erwachen zuzusehen, vielleicht danach eine tasse milchkaffee zu trinken, in einem winzigen kaffeehaus, in dem es nach frischen brötchen und kaffee duftet, nachher blumen für die wohnung zu kaufen, die man in den flohmarktvasen überall in den zimmern verteilt
sie sieht nach allen diesen dingen aus, wie gemalt, ein bild aus angenehmen erinnerungen und frischen träumen, wie der tag, der gerade anbricht, kaleidoskopartig bunt, gemustert, durchbrochen von versprengtem sonnenlicht und
verwirbeltem zigarettenrauch.

ungewollt wie ein rockstar auszusehen und immer noch wie ein kind zu sein, das hat sie wohl gut drauf und es ist bei ihr echt und nicht gestellt, das sieht man an ihren augen, die wie die eines rehs sind, dunkelbraun und weit offen. klare augen. wie ein waldteich, bei dem man auf den grund sehen kann, ohne trübungen, als wäre alles ganz einfach, was es sicher nicht ist, und sie weiss das, aber es kümmert
sie nicht. sie reist in ein unbekanntes land, das sie nicht fürchtet. vielleicht gäbe es einiges, was zu fürchten wäre, aber wie es eben so ist, es kümmert sie nicht. sie hat genügend kraft und innere ruhe.


diese reise anzutreten, das wünschte ich uns allen, eine reise in ein frisches grünes land, zusammen mit den engeln des anbrechenden tages. es liegt an uns, was wir daraus machen.

Freitag, 8. April 2011



Attention to the disappearance of contemporary chinese artist ai weiwei. Last sunday, april 3rd, 2011, Ai Weiwei and his friend Wan Tao were stopped and detained by police authorities, from boarding a flight from beijing airport. they were then escorted away.

Since then, there has been no word as to their whereabouts until now. A statement was released this afternoon from a state-run global times newspaper breaking china’s media silence on the situation, stating that ai weiwei has no respect for the laws of his country, and that he is on the verge of pushing the limits of legal tolerance. for this, Ai Weiwei’s behaviour will be evaluated and he will pay a price for his actions.

The artist is best known for his political activism revolving around the earthquake that hit china’s sichuan province in 2008. Since then he has faced physical abuse from authorities, his new studio was recently demolished and his name and work
has been censored throughout china among other events and incidents.

You may read more about the detainment of ai weiwei by jerome cohen here.

Ai Weiwei’s work ‘sunflower seeds’ is currently on show at the tate modern in london. In may his ‘cirlce of animals / zodiac heads’ world tour will begin in the grand army play near central park in new york.
(via contemporary-art-blog)

http://contemporary-art-blog.tumblr.com/post/4415129938

Dienstag, 8. Februar 2011

lost souls café



Lost Souls Gallery




Downtown Diner Braves the Lost Souls Café


in order to be truly found, you must first be lost.
this is where the search ends and the journey to find begins.
what is to be found will be up to you.

Sonntag, 30. Januar 2011

endgültig sicher

er war frei. er konnte gehen, wohin er wollte.
keiner würde ihn aufhalten und
niemand würde unnötige fragen stellen.
niemand würde ihm folgen und keiner kannte sein ziel.
das ziel seiner wünsche, die träume, er selbst
waren weit fort von hier
sie warteten an einem anderen ort auf ihn
er konnte sofort aufbrechen
doch er baute sich ein haus
mit blinden fenstern
und nannte es sicherheit

Donnerstag, 13. Januar 2011