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Sonntag, 17. März 2024

Der Schmetterling und der Jadevogel

Das einsam gelegene Haus auf dem Hügel machte den Eindruck einer chinesischen Gaststätte. Obwohl es spät am Tage war, hatte man darauf verzichtet, die Lampen anzuzünden. Auf der mit Ornamenten reich beschnitzten Eingangstür befand sich das gemalte Bild eines prächtigen roten Schmetterlings, dessen Flügel mit goldenen Ornamenten reich verziert waren. Die Tür war nicht verschlossen.


Der Weg herauf war lang gewesen. Sie war allein gekommen und wartete schon lange. Fröstelnd im Luftzug, müde, viel zu müde, um wieder aufzustehen und den Raum zu verlassen, obwohl sie es wollte, mit jeder Minute mehr, immer verzweifelter wünschend, einfach aufstehen zu können, den Raum zu verlassen, dann das Haus, auf die Strasse zu treten und dann nur noch zu laufen. Vielleicht war es ein Fehler gewesen, das Haus zu betreten, doch sie war glücklich gewesen, als sie es getan hatte, so glücklich wie noch nie in ihrem Leben. So glücklich, dass ihr Herz wie ein kleiner Jadevogel war, der zum ersten Mal in seinem Leben davon träumte, zu fliegen und nie wieder landen zu müssen. 

Sie konnte nicht mehr aufstehen. Sie war so müde, dass ihre Knochen wie aus Glas schienen und jeden Moment zu zerbrechen drohten. Sie wollte nichts mehr essen. Der süssliche Geruch von Tod und Verwesung, den sie kaum wahrgenommen hatte, als sie gekommen war, war inzwischen so stark, dass ihr Magen krampfte. Von den leeren Gängen schien ein Sog auszugehen, der sie ins Zentrum des Hauses zog, die Lampions schwankten im Luftzug, die Minuten verstrichen langsam wie zähflüssiger Teer.

Warum blieb sie hier?


Der leuchtend rote Schmetterling sass vor ihr auf der Tischplatte und starrte sie mit seinen Alienaugen an. Ekel überkam sie, eine Welle von Übelkeit, sie dachte an die Rote Pest und begann zu würgen.  Der Schmetterling schlug träge mit den Flügeln und der Geruch von verwestem Fleisch wurde stärker. Mit halbgeschlossenen Augen sah sie die seltsam verschlungenen Ornamente auf seinen Flügeln, die hypnotisch auf und zuklappten. Sie hielt ihm einen Finger hin und er kletterte hinauf. Es war mehr Schmerz, als sie gedacht hatte. Niemals hatte sie gedacht, dass es einen Schmerz wie diesen gab, er war wie der Schmetterling: vollkommen. 

Sie verlor binnen Sekundenbruchteilen ihren Verstand, es wurde schwarz und still um sie, ihr Bewusstsein schwand. Als sie sterbend vornüber sackte, mit dem Kopf auf den gefalteten Händen auf der Tischplatte ruhend, floss das Leben aus ihr heraus wie Blut aus einer offenen Wunde. Die verschlungenen Ornamente auf den Flügeln des rubinroten Schmetterlings wuchsen und bildeten neue Verzweigungen, DNA-Doppelhelixstränge, die sich zart und lieblich wie feinste Verzierungen über die Haut der Flügel zogen. Er zuckte im Rhythmus ihres sterbenden Herzens und sass dann still.


Die Lampions schwankten im Luftzug, der Schmetterling schlug noch einmal mit den Flügeln und erstarrte. Der Himmel überzog sich mit Grauviolett, die Abenddämmerung war hereingebrochen.

In der stillen Nacht begann der Jadevogel zu singen.

Der Schmetterling hingegen starb und zerfiel zu Asche.

 


Alles ringsumher versank in Nebel. Die Wände des Hauses wurden durchsichtig und begannen, sich aufzulösen. Für einen Moment schimmerten die Mauern wie von innen beleuchtetes rotes Glas. Dann war das Haus verschwunden, als wäre es von der Nacht verschluckt worden. Mondlicht beleuchtete den kahlen Hügel, auf dem sich nichts befand ausser den schlanken Stämmen einiger windzerraufter Fichten.


Als der Mond unterging und das erste Licht des Morgens über den Hügel kroch und den Stämmen der Fichten lange Schatten verlieh, fiel das Licht des ersten Tages auf die Mauern eines grossen Gebäudes, das den Eindruck einer chinesischen Gaststätte erweckte.

Auf der reich beschnitzten Eingangstür befand sich das gemalte Bild eines grün schillernden Vogels, der einen Zweig mit rubinroten Beeren im Schnabel trug.

 

Samstag, 23. Mai 2020


 “I am one of the searchers. There are, I believe, millions of us. We are not unhappy, but neither are we really content. We continue to explore life, hoping to uncover its ultimate secret. We continue to explore ourselves, hoping to understand. We like to walk along the beach, we are drawn by the ocean, taken by its power, its unceasing motion, its mystery and unspeakable beauty. We like forests and mountains, deserts and hidden rivers, and the lonely cities as well. Our sadness is as much a part of our lives as is our laughter. To share our sadness with one we love is perhaps as great a joy as we can know - unless it be to share our laughter.  
We searchers are ambitious only for life itself, for everything beautiful it can provide. Most of all we love and want to be loved. We want to live in a relationship that will not impede our wandering, nor prevent our search, nor lock us in prison walls; that will take us for what little we have to give. We do not want to prove ourselves to another or compete for love.
For wanderers, dreamers, and lovers, for lonely men and women who dare to ask of life everything good and beautiful. It is for those who are too gentle to live among wolves.”


 James Kavanaugh, There Are Men Too Gentle to Live Among Wolves


src

Sonntag, 13. Oktober 2019

das herz der dinge

sie hatte die alte kamera, die sie am dachboden gefunden hatte, tatsächlich bis hierher getragen. es war völlig unlogisch, was sie hier tat. normalerweise steckt man das ding in einen koffer oder in den rucksack, oder man verwendet überhaupt eine von diesen sündteuren kamerataschen, wie sie die touristen immer haben. aber nein, sie musste diese alte kamera tragen. von der wohnung weg runter zum traxi, dann am flughafen bis zum sicherheitscheck, wo die kamera wie ein relikt aus alter zeit zwischen den modernen handtaschen auf dem laufband entlangfuhr und auf der anderen seite von ihr schon erwartet wurde. und wieder hatte sie die kamera in die hand genommen und zum abflugschalter getragen und ins flugzeug hinein, und auch später, den ganzen marathon zu ihrem hotel, in die lobby und hinauf in ihr zimmer, hatte sie sie nicht aus der hand gegeben.

nun sass sie in ihrem hotelzimmer auf dem bett und schaute die kamera an. nahm einen schwarzweiss ilford aus der seitentasche ihres koffers, der in der silberfolie steckte, die die röntgenstrahlen des sicherheitschecks am flughafen abblockte und legte ihn vorsichtig ein. lächelte ein bisschen, legte die kamera neben das bett auf das nachtkästchen und begab sich dann bald selbst zur ruhe. vor dem einschlafen dachte sie noch kurz über die vermeintliche sinnlosigkeit ihres tuns nach. ihr vater wollte ihr vor ihrer reise eine digitalkamera kaufen, aber sie hatte dankend abgelehnt und gemeint, sie hätte ja schon eine kamera. was er mit leichtem kopfschütteln quittiert hatte, aber dann hatte er gelächelt wie immer, wenn sie solche dinge machte. aber wie willst du damit fotografieren, hatte er gesagt, die kamera funktioniert nicht mehr. wie eine alte uhr, deren herz aufgehört hat, zu schlagen.

als sie am frühen morgen nach einem schnellen frühstück und einem blick in die morgenzeitung das hotel verliess, hing die alte kamera an einem lederriemen um ihren hals. sie griff manchmal danach und hielt sie für einen kurzen augenblick fest. so ging sie die strassen entlang, warf manchmal einen blick in den stadtplan, den sie in ihrem rucksack mitgenommen hatte und kam nach einiger zeit am rand der stadt an. sie rastete einen moment im schatten einer gruppe von palmen, die die stadt wie einen wall aus frischem grün umgaben, lehnte sich an den stamm eines baumes und schloss die augen. wie von selbst fuhr ihre hand zu der alten kamera, sie umfasste sie vorsichtig und fühlte plötzlich, wie ein strom von erinnerungen, wie alte bilder in sepiafarben, dem uralten gegenstand entwich. sie wunderte sich kein bisschen. genau so hatte sie es sich vorgestellt. es war der richtige ort dafür.

sie sah die wüste, palmenhaine und menschen, die darunter lagerten, elegante männer und frauen in hotellobbies, an tischen sitzend, rauchend, sich angeregt unterhaltend, behandschuhte livrierte kellner, die auf silbernen tabletts getränke servierten, sie sah einen saal mit hohen fenstern, in dem kristalluster leuchteten, mit grossen spiegeln an den wänden und in den spiegeln sah sie paare tanzen, ein orchester auf einer bühne und eine sängerin vor einem antiken mikrophon, sie sah basare und händler, alte bücher, deren titel sie sogar lesen konnte, es waren alles bücher mit geheimnisvollem inhalt, die sie selbst gern besessen hätte. sie sah portraits von menschen, die in vielem unterschiedlich waren, denen aber immer eins gemeinsam war: sie hatten alle denselben ausdruck in den augen. interessante menschen, die sich gewiss nie mit der oberfläche der dinge zufriedengaben, sondern darunter sahen, zum herz der dinge, das, wie man weiss, niemals aufhört, zu schlagen. dann, ganz am schluss, blickte sie in ihr eigenes fragendes gesicht, das sich gerade über die kiste am dachboden beugte.

als sie die augen wieder öffnete, war der schatten der bäume um ein stück weitergewandert, die morgensonne schien ihr ins gesicht und liess die bilder, die sie gesehen hatte, zu schatten ausbleichen. wie ein sepiaschleier waren sie nun auf ihrer netzhaut gefangen und sie liess sie nicht wieder fort. mit der einen hand hielt sie immer noch die alte kamera umfasst.

sie lächelte. die wüste war für sie immer ein ort des lebens gewesen. wenn man unter die oberfläche der dinge blickt, dann ist es auch so. ein ort der stille, ein kraftvoller ort. nichts von den alten erinnerungen geht hier verloren. es gab nichts, was ablenken konnte, von der vergangenheit, vom jetzt. hier war alles ein ding.
begleitet von einem strom verblasster bilder, die im sonnenlicht wie feine schatten wirkten, betrat sie die wüste.
 
 
für imuhar
 

Sonntag, 17. März 2019

Théophile Gautier, from the Comedy of death


I have returned from the land of ghosts,
But still, I maintain the pale shade of the dead
Far away from silent kingdoms
My clothes resemble a funeral dress
On an urn, thrown from my back to the ground
Hanging along my body.
I come from the hands of a death
More miserly than the one who wept at the tomb of Lazarus;
She looks after her keep:
She releases the body, but retains the soul;
She renders the torch, but fans the flame;
And Christ would have no say.
But Alas! I am no more than a shadow of my former self,
A living tomb where lies all that I love,
Survived only by myself;
With me, I carry iced mortal remains
Of my illusions, charming and passed away
Of which I am the shroud.
I am still too young; I want to love and to live,
O death, I can’t bring myself to follow you
On your somber path;
I haven’t had the time to build the column
Where glory will come to suspend my crown;
O death, come back tomorrow!


Sonntag, 18. November 2018

Die Traumküste

An der Küste des Ozeans verstecke ich mich hinter Bäumen und Gebüsch. Ich kauere mich eng an den Boden, damit ich nicht entdeckt werde. Im tiefsten Schatten bin ich. Vor mir erstreckt sich der Strand, sandig und weiss. Ich bin allein hergekommen, von sehr weit her. Ich scheine eine kleine Ewigkeit weit weg zu wohnen, aber ich habe den Ozean tatsächlich gefunden, die ferne, doch nicht gänzlich fremde Küste, die ich nur zögernd betreten habe. Als würde ich ein Tabu brechen. Ich habe mich den ganzen Weg über bemüht, leise zu gehen, aber ich fürchte, dass man mich schon längst entdeckt hat und mich beobachtet. Ich bin anscheinend ein auffallender Eindringling, obwohl ich gerade dies niemals beabsichtigt hatte. Wahrscheinlich war das Pochen meines Herzens zu laut.

Montag, 30. Juli 2018




An illustration from Jules Verne's novel "Around the Moon" drawn by Émile-Antoine Bayard
and Alphonse de Neuville.

Source




Mittwoch, 11. Juli 2018

Ein Atlanter kehrt heim



Archangel Bar Deep Space
verfasst am: 07 Mai 2007 0:27


Vielleicht sollte ich wirklich nach Ozeanien ziehen? Dort gibt es den Berg, der innen hohl ist und aus Wasser besteht, und schwarze Erde und grünes Wasser. Dort könnte wirklich die verlorene Traumküste liegen, die *Position der Nordküste, wie in der schönen Geschichte, die ich immer und immer wieder lesen muss, damit ich dieses Gefühl nicht vergesse, ja, das Gefühl des Seefahrers, des Küstenentdeckers, des Heimkehrers. Dort gibt es Millionen Quadratkilometer Wasser und nur wenige Quadratmeter Land, und nur wenige Menschen. Tuvalu klingt schön, verlockend, und machmal sehe ich mit goldenen Augen mitten hinein in die Landschaft aus schwarz und grün und ein Funke beginnt zu sprühen, ein Gefühl, das ich beinahe vergessen hätte. Ewiges Leben in Wasser und frischem, wildem Land, vergoldete Haut, so stark, der Körper, der Geist.

Die längst verloren geglaubte Küste taucht wieder auf, nach so langer Zeit, sie zeigt sich oft und in unterschiedlichen Manifestationen, eine verlockender als die andere, eine köstlicher und erfrischender als die andere.
Ein Atlanter kehrt heim.



*R.A. Lafferty: Die geheime Position der Nordküste,
erschienen im ersten Almanach der Hobbit.Presse
Klett-Cotta-Verlag



Sonntag, 1. Juli 2018

neptun


sie trägt ein hellblaues kleid, blau wie der himmel hinter dem zugfenster.
rundherum dehnt sich endloses blau.
und da sagen leute, etwas anderes würde zählen, lacht sie.
ein kleiner neptun winkt mit seinem dreizack und summt seinen willkommensgruss.
lange her, dass du zuhause warst. wie lange wirst du diesmal bleiben?
ich habe einöden durchquert und felder aus feuer, flirrt ihre stimme im sonnenlicht.
hab ich es mir nicht verdient, für immer zu bleiben?
er nickt und lässt es goldene münzen auf den strand regnen.
du erinnerst dich?


Donnerstag, 7. Juni 2018

Das verlassene Haus


An einem abgelegenen Ort stand ein Haus. Niemand schien darin zu leben, obwohl einiges von Bewohnern sprach – das Interieur war prachtvoll und gepflegt, doch es wirkte auf seltsame Weise unbenutzt. Ein stetiges graues Zwielicht, das seinen Ursprung mitten im Haus zu haben schien, überzog die Gegenstände in den Zimmern wie ein graues Laken. Das Haus, das Tag und Nacht nicht kannte, stand auf einem Hügel, der nur schwer zugänglich war. Es gab keine Strasse,  nur einen versteckten Pfad, der unkrautüberwuchert und von Dornenhecken und wildem Gestrüpp begrenzt in verschlungenen Windungen steil bergan führte. Man konnte den Windungen des Pfades bis zur Kuppe des Hügels folgen, ohne auf eine weitere menschliche Behausung zu treffen. Das einzige Bauwerk, das sich über die Wipfel der spärlichen Bäume erhob, war das verlassene Haus, das in grauer Einsamkeit vor sich hinzudämmern schien. Verirrte sich dennoch ein Besucher an diesen Ort, konnte er Raum um Raum durchmessen, ohne auf einen anderen Menschen zu treffen, konnten seine Schritte endlos widerhallen in labyrinthischen Gängen und Höhlen, Erdhöhlen und Stollen, die tief in die Erde führten, unter dem Haus, und ein Gewimmel von sich windenden Würmern mochte er finden...Maden..und zahllose Schnecken, die in Klumpen an den Wänden der Gänge klebten.
Oder er mochte geradewegs Raum um Raum durchschreiten bis zum hintersten Trakt des Gebäudes und sinnend vor der kleinen Holztür stehenbleiben, die neben dem prächtigen Interieur des restlichen Gebäudes beinahe obszön wirkte, wie eine Stalltür, und wie im Traum, ein wenig traurig, mochte er sich fragen, warum gerade er diese Qualen würde erleiden müssen, ein wenig lächeln würde er dann und ein klein wenig schluchzen, während Minute um Minute zäh und langsam verstrich, wie um seinen tiefen Schmerz zu verlängern.


+++


Dahinter. Hinter der Tür. Hinter der Vernunft.
Ein Bröckchen Opium sprühte in der Dunkelheit, sprühte wie eine Wunderkerze aus längst vergessenen Kindertagen. Und ja...er erinnerte sich, wie ein träumender Embryo, zusammengerollt im Schoße der Erinnerung, und für einen Moment, diesen einen Moment...war er geborgen und sicher in seinem brüchigen Haus der Vernunft.
Nichts von den Dingen hinter der Tür war echt.

+++

Er war zu Hause. Lag noch in seinem Bett und träumte. Es war gewiß ein unruhiger Traum, verwirrend, wie so oft in stürmischen, regnerischen Nächten und bald würde er das Geräusch des Weckers hören und erwachen. Zur Arbeit gehen wie an jedem Tag.

+++

Er starrte mit weit geöffneten Augen in die Dunkelheit. Vor ihm brannte ein Stück Bernstein in mystischem Gold, sprühte im Kaleidoskop seiner Tränen und zerplatzte in tausend blutige Glassplitter.
Nichts davon war echt.
Er würde erwachen, ganz gewiß.

+++

Er lief über ein verschneites Feld, das sich in gigantischer Dimension weit bis zum Horizont erstreckte. Sein Atem ging rasch und stoßweise, er lief. Schneller.

+++

In der inneren Kammer regten sich die Schatten. Eine graue Gestalt kauerte im Hintergrund an der Wand. Sie sah aus wie ein Bündel Lumpen oder eine in Fetzen gehüllte Puppe. Ihr strähniges Haar fiel bis zum Boden herab und verdeckte ihr Gesicht. Er starrte angestrengt in die Dunkelheit, versuchte, sich zu erinnern, doch da war nur

+++

das weite Feld, über das er rannte. Sein Atem ging zu schnell, seine Lungen brannten. Er brach mit einem Fuß durch die Schneedecke und stürzte. Mit nach unten gekehrtem Gesicht blieb er liegen. Er schluchzte in den Schnee, versuchte, wieder aufzustehen, weiterzulaufen.
Er konnte nicht mehr.
Mühsam hob er den Kopf und hielt sein brennendes Gesicht in den Wind.
Über den Horizont erstreckte sich ein Streifen blauer Himmel. Eiskalt strömte die Luft in seine Lungen. Sein Mund schmeckte metallisch. Er wußte nicht, ob er sich bei seinem Fall auf die Zunge gebissen hatte, oder ob es die Luft war, die nach Blut schmeckte. Metallisch und scharf wie Blut, das aus einer frischen Wunde fließt.

Dienstag, 24. April 2018

...i want to be remembered




- I do love you, so very much. I love you with all my heart and soul.
- I want to die. If only I could die...
- If you'd die, you'd forget me. I want to be remembered

Sonntag, 26. November 2017

sommer II - hundstage


I


im flirrenden licht der sonne bildeten hügelketten verschwommene umrisse von schwarz, das sich über gelb und sienna von feldern und sandkuhlen erhob. die landschaft wirkte wie ausgestorben, menschenleer. das schwirren, surren, krabbeln und flattern von insekten bildete eine geräuschkulisse, die viel zu laut, wie ein greller klangteppich, über der scheinbar unbelebten landschaft lag.
ein aussergewöhnlicher tag, obwohl er sich dem anschein nach in nichts von den übrigen tagen unterschied
ein blutiger, schreiender tag
über dem der schatten der sonne lag
alles war im begriff, sich aufzulösen. sich als illusorisch herauszustellen.

II


in den hundstagen lastete die hitze wie eine decke über den tälern,
kein windhauch bewegte die luft, die gerüche waren mannigfaltig,
süss und holzig über den hügeln in der ferne, würzig über den wiesen,
stechend und scharf am strassenrand, wo unzählige tiere zu tode gekommen waren.
am feldrain lagen kröten und frösche, ab und zu auch ein vogel oder eine überfahrene katze.
hier stank der sommer nach tod und verwesung, nach dunkelheit
er nahm die form eines bösartigen tieres an,
dessen atem nach verwesendem fleisch und vergorenem blut stank

III


das tier lag träge am strassenrand und kaute an fleischfetzen, haut und sehnen, bis nur noch blanke knochen blieben, die es mit seiner feurigen zunge bleich leckte.
grünschillernde fliegenschwärme begleiteten das tier, glitten wellenförmig auf seinem heissen atem dahin, taumelten auf bunten verwesungsfarben, lagen hilflos auf dem rücken und zappelten in blutlachen

drifteten durch blutschwere luft
-rot und braun auf blauem grund-

IV


in der ferne zogen vogelschwärme dahin.
vögel, über deren flügel wellenförmig neue strukturen glitten, flogen, tauchten
waren verschwunden
schemenhafte wellentaucher

schattenhaft. verwirrend. schmerzlich.


Sonntag, 23. Juli 2017

impressionen von der künstlichen stadt auf den hügeln


diese landschaft dort oben am hügel ist eine durch und durch künstliche. ein komplex von alten und neuen gebäuden, funkelndem glas und stahl, neben alten behäbigen steinernen bauten, die wie riesengrosse villen aussehen. der komplex bildet eine stadt in der stadt mit einer ganz eigenen ausstrahlung. cool mit all den monitoren, die verschiedene blickwinkel der stadt wiedergeben, ein summen und brummen ab und zu wie von computern
computerkunst und kunst in 3 D, virtuelle realität und kunst zum angreifen, bieten sich dem besucher der stadt beinahe beiläufig dar
ein langer weg wie eine brücke zwischen gebäuden mit fassaden wie aus opakem glas, kühl, die farbe eine winterliche art von eisgrün...unwirklich...die fassade, dahinter ein himmel von strahlendem engelsblau, weiß bewölkt

zwischen eisgrün und engelsblau führt die brücke in eine parklandschaft mit darin verstreuten würfelähnlichen gebilden in bunten farben
violett hauptsächlich aber auch grün und pink
daneben täfelchen wie in einem botanischen garten
die aussenhaut der würfel leuchtet
computerbilder vom menschlichen körper
knorpelmasse und ein innenohr
knochen muskelfasern
der boden ist gefroren und morgendunkel, der himmel strahlt, doch der boden atmet noch die kälte der nacht aus
man träumt sich kameraaugen, um das fotografische tagebuch zuhause mit bildern füllen zu können doch man ist gezwungen, vergängliches zu akzeptieren
ein, zwei bilder brennen sich ins gedächtnis, wo sie jahrelang gespeichert bleiben, um plötzlich, unerwartet, wieder emporzusteigen
ein, zwei bilder gekoppelt mit starken gefühlen, die jahre später dem erinnernden scharfe tränen in die augen treiben werden

die brücke zwischen eisgrün und engelsblau

wie fröhlich man zwischen alter und neuer kunst zu wandeln vermag...switch on...switch off...heiter schimmernde insekten-facettenaugen nehmen schönheit auf, knipsen bildchen für den temporären erinnerungs-ordner, der stetig geleert wird
was bleibt von einem spaziergang übrig außer diesen schnell gezeichneten wort-bildern
nicht viel außer einem unbestimmten gefühl der fröhlichkeit und ein, zwei bildern von engelhaftem schönheitsschmerz
impressionen von der künstlichen stadt auf den hügeln
ein künstlicher see fehlte noch mit monitoren am ufer und alten bäumen, des meisters echte kunst...
das alte trifft das neue, vermag es zu umarmen, anstatt es von sich zu stossen
die harmonie erstaunt, macht betroffen...
ein weiter blick hinunter in die welt, die noch im morgenschatten liegt, offenbart vertrautes

inmitten hoher bäume schlummert weit unten der stille hain
der alte friedhof, auf dem man wandelte, als man dem ruf der müden seele folgte, die träumen wollte
anders träumen als auf den hügeln der künstlichen stadt
endgültig zielgerichtet
die wahrheit liegt dort unten
im schattigen garten


tanzen möcht ich nicht mehr
sprach das einsame mädchen auf den hügeln
und wandte seinen schritt
langsam
endgültig
dem schattigen tale zu
von eisgrün und engelsblau träum ich nicht mehr,
mir ist nach tiefem ernstem schwarz
lächelte der totenkopffalter
einst schillerndes schwirrendes insekt...
seine flügel breitete er aus
in samtigstem schwarz
und langsam wurde er fortgetragen
es war einfach, nur hinabzuschweben
in das schattige tal
und er sank hinab

Montag, 5. Dezember 2016

bettlerträume

es gibt einen ort, an dem menschen nicht leben können. es heisst, dass dort die bäume bis in den himmel wachsen. dass sie die wohnhäuser, die weiss gott nicht klein sind, bereits jetzt verschluckt haben und weiterwachsen. wer weiss, wie gross sie noch werden. die luft ist klar. verstrahlt wie alles hier, für menschen tödlich. der himmel ist von einem leuchtenden, überwältigenden blau, ein richtiger herbsthimmel, wie der, den du zuletzt gesehen hast, als du mit deinen grosseltern draussen warst zum drachensteigen, genau so ein himmel. ein himmel, den du verloren hast, strahlend blau an den tagen, sternenflimmernd in den nächten, und von dem du fast jede nacht träumst. von dieser klaren herbstluft, die nach weiss gott was allem riecht. nach blättern und herbstfeuer, nach eiskalten nächten und dem frühen schnee. zuckerblau heisst die farbe. zusammen mit den gelben, orangen, rötlichen und rostbraunen blättern eine orgie an farben, schon fast zu schön, und da rennst du, als winziges gör, mit deinem kleinen roten drachen über dieses weite feld und deine grosseltern spazieren hinten nach. die stolzesten grosseltern der welt. die kälte treibt dir die tränen in die augen. und dein drache wird ganz hoch fliegen, du wirst ihn kaum mehr erkennen, und du wirst noch ewig daran denken. vielleicht ein leben lang.


bis auf deine grosseltern und dich sieht man weit und breit keine menschen. sie hätten dich damals allerdings auch nicht wirklich gestört. das hat sich ja geändert.

damals waren die menschen noch anders.

meine rede. und du warst es auch. du warst anders, weil du geliebt wurdest und weil du geliebt hast. und weil du die natur immer um dich hattest. immer draussen, immer unterwegs. weisst du, das braucht der mensch. die landschaft. und menschen, die anders sind als die heutigen menschen. vielleicht sind es schon zu viele, aber es ist wohl mehr als das. müssig, darüber nachzudenken. ein zuckerblauer himmel und bäume, die so gross sind, dass sie gebäude verschlucken können. und keine menschen. so weit das auge reicht. wolltest du mir noch sagen, wie unmoralisch ich mich gerade verhalte, wenn ich diese bilder ansehe und mich danach sehne? wolltest du das?


du solltest mal in mich reinschauen können, dann würdest du verstehen, dass moral der luxus ist, den meine bettlerträume sich nicht leisten können.

Mittwoch, 20. Juli 2016



I woke up as the sun was reddening; and that was the one distinct time in my life, the strangest moment of all, when I didn't know who I was - I was far away from home, haunted and tired with travel, in a cheap hotel room I'd never seen, hearing the hiss of steam outside, and the creak of the old wood of the hotel, and footsteps upstairs, and all the sad sounds, and I looked at the cracked high ceiling and really didn't know who I was for about fifteen strange seconds. I wasn't scared; I was just somebody else, some stranger, and my whole life was a haunted life, the life of a ghost.”


  -      Jack Kerouac, On the Road    



Samstag, 25. Juni 2016

die silberne mondspur


"wir verlieren sie."
die stimme kommt von weit her, irgendwo in diesem grellweissen licht, das durch meine geschlossenen lider dringt. Das licht stört mich, ich möchte gern in meinem verdunkelten zimmer schlafen, bei heruntergelassenen jalousien die hitze des nachmittags verschlafen. am abend kurz wach sein und hinaussehen in den garten, bis ich wieder einschlafe in meinen kühlen, weissen laken, die ständig gewechselt werden, wenn ich sie wieder durchgeschwitzt habe.
ich habe nie schmerzen. das einzige, was sich unangenehm anfühlt, ist die müdigkeit in mir, die tag für tag grösser wird, je mehr, wie mein bedürfnis wachzubleiben steigt. 
in den letzten augenblicken will man nichts mehr versäumen, mit geschärften sinnen nimmt man jede noch so unwichtige kleinigkeit wahr. sogar eine fliege an der wand gewinnt jetzt an bedeutung, man will wach bleiben, man will sehen. bewahren? ich sammle eindrücke in meinem erinnerungsalbum, ich rieche die blumen auf meinem nachtkästchen und notiere mit meiner ordentlichen schrift, dass ich sehr glücklich war und bin.

„wir verlieren sie.“
ich weiss nicht, was die stimme damit meint. einmal bin ich mitten in der nacht aufgewacht, als hätte mich jemand geweckt. ich sah eine silberne mondspur auf der wiese bis hinüber zum wald. ich stand auf, verliess das zimmer und ging bis zum frühen morgen spazieren. es war die vorige nacht und als die schwestern meine laken wechselten und meine schmutzigen fusssohlen sahen, sahen sie mich lang an, doch sie sagten nichts. eine davon, die jüngere, drehte sich von mir weg und schien zu weinen. sie scheinen mich in mein zimmer zurückgebracht zu haben, denn das grelle weisse licht, das mich am schlafen gehindert hat, macht angenehmer dunkelheit platz.
nacht senkt sich über meine lider. ich schlafe mit der gewissheit ein, dass ich wieder geweckt werde, um der mondspur zu folgen, draussen auf der wiese, hinüber zum wald.


Sonntag, 24. April 2016

sommer I - das alte land

als sie ankamen und sich mit müden augen zum ersten mal umsahen, war licht alles, was sie aufnahmen, dunstiges zwielicht, das über der dicht bewaldeten hügelkette in der ferne lag. licht, das ihren augen wohl tat und tröstliche stille, die ihre angespannten sinne beruhigte, sie einhüllte und barg

im hereindämmernden abend sassen sie vor dem haus und träumten der versunkenen welt entgegen, die sie in ihren städten nicht oder kaum mehr kannten, obwohl sie immer gewusst hatten, dass sie existierte
und als die abenddämmerung kam wie ein stiller gast, samtig grau und violett, und ihre augen und herzen überströmten, schmiegten sie ihre gesichter wie liebende dem himmel entgegen




II



sie sassen um den grossen tisch in der küche des alten hauses und assen oliven, in kräuteröl eingelegten würzigen feta und weissbrot, tranken wein, der ebenfalls leicht nach olien schmeckte, nach harz und pinienzapfen. der wein war leicht ölig und anders als alles, was sie bisher getrunken hatten. typisch für diese gegend, wo die natur schwer und sonnnendurchglüht und träge war, funkelnd im licht und bis zum äussersten ausgereift in form und geschmack, zu sinnlich beinahe, sinnenbetäubend

tage wie reifer wein in schweren pokalen
ohne es selbst zu bemerken, hatten sie die farben des sommers angenommen




III


und wie im rausch vergingen die tage, ein jeder morgen noch lichter, sehnsuchtsvoller als der morgen zuvor
noch mehr, immer wieder mehr von licht und dunkel,
sonnengeflirre und schatteninseln, bis sie trunken waren vom licht und den farben
und dennoch nach mehr verlangten

dürstend nach dem schwarz des landes und dem blau des himmels
ausgehungert nach dem blut der erde, das aus überreifen, zerplatzten trauben
über ihre gesichter und in ihre kehlen lief
bis sie müde vom überfluss einschliefen, die gesichter auf dunkle erde geschmiegt
und von feurigen rossen träumten, die aus licht waren
und den lachenden sonnengott im himmelswagen durch die blaue luft zogen

Sonntag, 12. Juli 2015

hier bin ich wieder, wie am anfang, mit einigen verletzungen und narben mehr, aber auch mit mehr zuversicht, mehr dankbarkeit für das, was ich kann und was ich bin. die letzten monate waren anstrengend. menschen, die mich klein machen wollten, die mich niemals so sehen wollten, wie ich wirklich bin - hochsensibel, verletzbar, still und fragil, haben meine andere seite zu sehen bekommen und ich wollte mich sofort bei ihnen entschuldigen, was doch einigermassen lächerlich ist - ich entschuldige mich bei menschen, die mich fertigmachen wollten ... aber meine andere seite ist monströs. sie ist brutal und das reine gift, ein bisschen wie skorpiongift ... und rein defensiv. eigentlich hätte ich mich bei mir selbst entschuldigen müssen, denn so verseucht, wie ich dann durch das seelengift bin, das ich verwende, um leute abzuwehren, die mir böses wollen, kann ich nur noch eine zeitlang vegetieren und versuchen, das gift aus dem system zu kriegen, durch viel kontakt mit wasser, innerlich und äusserlich, durch sport, vor allem laufen, bis ich wieder das gefühl habe, ich selbst zu sein.

ich habe einen menschen verloren, der für mich wertvoller war als ich für ihn, könnte man sagen und was mich erstaunt ist die tatsache, dass ich im verlauf der trennung auf diesen menschen zuerst nur amüsiert und am schluss dann extrem aggressiv reagiert habe, aber nichts ist von meiner vor jahren noch für mich typischen selbstverletzung und selbstkritik übrig geblieben, ich habe mich vor diesem menschen geschützt, ich habe mich nicht verletzen lassen, die wunden sind nur oberflächlich und beginnen gerade zu heilen, ein bisschen jucken sie, aber es tut nicht weh. was soll ich sagen - es ist wunderbar. ich kann mir selbst ein guter freund sein. ich kann mich selbst schützen, egal, wie sehr menschen versuchen, mich durch worte oder taten zu treffen.
was mich wundert ist nur, dass es überhaupt jemand versucht. dass menschen anscheinend dafür leben, sich selbst über andere zu stellen, damit sie ihr recht mickriges ego aufpolieren können. anstatt an sich selbst zu arbeiten, denn so perfekt ist niemand, jeder muss lernen, mit seinen inneren dämonen klarzukommen. doch für manche ist genau dieses seelengift, von dem ich vorhin gesprochen habe, eine art lebenselixier. wer dieses elixier auf dauer konsumiert, der muss natürlich nicht an sich arbeiten und lebenslang lernen, denn wie es bei dämonen so ist - sie reden dir ein, eh schon perfekt und immer im recht zu sein. sie nehmen dir die empathie und sensibilität, lassen dich nicht mehr ins herz der anderen menschen sehen und dann bist nur noch du übrig und dein mickriges ego, das sie dann zu elefantengrösse aufblasen. als jugendliche war ich übrigens genau so. ist eine zeitlang her, das ganze.:)


ich blicke jedenfalls wieder nach vorne und habe mich quasi wieder auf den highway begeben, denn wie sagten wir damals immer so schön - du darfst nicht vom highway runterfahren, denn das wäre für dich nicht wirklich angenehm (so ist es, so ist es...)

Donnerstag, 5. März 2015



"I have no idea where this will lead us, but I have a definite feeling it will be a place both wonderful and strange."


 Agent Dale Cooper, Twin Peaks (1990)

Dienstag, 30. September 2014

wegweiser


es ist gerade ein scharfer schmerz in mir, den ich nicht beschreiben kann, der schlimmer ist als alles, was ich an schmerzen kenne. es gibt kein mittel diesen schmerz zu lindern, nur die hoffnung, so pathetisch es auch klingen mag. die hoffnung, das binnenland zu verlassen, an dem ich gestrandet bin, sei es nun durch zufall oder durch eine absicht, die mir verborgen ist. wie der widerhaken einer harpune, der tief in mir sitzt, und wenn es jemanden gibt, der delphine harpuniert, dann sollte dieser jemand schon einen triftigen grund dafür haben, denn delphine weinen wie kleine kinder, wenn sie schmerzen leiden.

der aufbruch, in so vielen visionen und träumen geprobt, steht wieder klar vor meinem auge und doch ist es angebracht, mich in geduld zu üben. niemand kommt ans ziel, wenn er blind drauflosläuft, es muss geplant werden, jeden tag ein stück mehr, damit man nicht verloren geht wie ein narr, der ins nichts stolpert.
der weg ist das ziel, so hörte ich oft, und nie konnte ich damit etwas anfangen. der weg...das wäre diese zeit hier, die ich nun verbringe, im binnenland, wo ich einst gestrandet bin. kann diese schmerzhafte zeit der weg sein? oder ist damit etwas anderes gemeint?
der weg ist das ziel. wie könnte man diesen spruch auslegen? der weg der visionen und des immer wieder erprobten aufbruchs, der das ziel bereits in sich trägt, vielleicht ist es so gemeint - der weg trägt das ziel bereits in sich? gerade kommt es mir logisch vor.

warum gibt es so wenige, die so sind wie ich? warum kann ich mich kaum verständlich machen? bin ich ein so seltenes tier, oder liegt es nur daran, dass ich ein gestrandeter delphin bin und die anderen landbewohner sind, die sich niemals nach dem ozean und den inseln sehnen? über meinen augen liegt ein staubiger schleier, so viel bin ich gegangen, durch das trockene land, ein dicker schleier aus staub, der die augen müde macht und den blick auf das wesentliche so oft verstellt. und doch bin ich stark. wenn ich sie, die landbewohner, nicht an mich ranlasse, bin ich wirklich stark. dann bin ich der herr meines langen wegs und ich werde ihn bis zum ziel weitergehen und das ziel liegt am ozean, der mich schon in den schlaf wiegt,  obwohl ich noch gar nicht angekommen bin.

ich möchte nicht vergessen, dankbar zu sein. es gibt  diese welt, die ich suche. dafür bin ich dankbar. und für die wenigen wesen, die mich verstehen. für den weiten horizont hinter den häusern der stadt, der mir immer hoffnung gibt, und dafür, dass der mensch mein biotop noch nicht zerstört hat. ich bin auch dafür dankbar, dass ich nicht hassen muss. obwohl ich es anfangs getan habe. doch anfangs war ich weit weg von dem, was ich jetzt bin. ich wusste nicht, woher ich stamme und in mir war nur brüllen und hass. ich wollte einfach nur verletzen. wie es gequälte seelen eben machen. dieser hass ist schon lange nicht mehr da. doch sollte ich wirklich verzweifeln und für einen kurzen augenblick meine hoffnung verlieren, dann kann ich mich darauf verlassen, dass ich aggressiv genug bin, um diese zeitspanne zu überleben und nicht wie ein märtyrer vor mich hinzusiechen. meistens jedoch bin ich froh, ohne auszukommen.

doch gegen den schmerz, der in mir ist, wenn ich den ozean direkt vor mir sehe, obwohl ich in dieser schlucht aus häusern und staubigen strassen gefangen bin, kann ich gar nichts machen. ich versuche ihn nun, mich leiten zu lassen. der schmerz, das heimweh, soll der wegweiser sein.
nur so erhält er sinn und so ist es wohl auch gemeint.


archangel bar, 11.04.2008