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Donnerstag, 9. Juli 2020

lauf so schnell du kannst

die traurigkeit von verlassenen häusern, die dinge, die nicht getröstet werden können, weil sie es nicht wollen.
gibt es diese tiefe traurigkeit? sag du es mir. lehn dich nach vor und flüstere in mein ohr.
ich werde niemandem davon erzählen, ich verspreche es.
erzähl mir das geheimnis, das hinter deiner fröhlichkeit liegt.
ich hab sie dir nie abgenommen, obwohl sie gut gespielt war. deine augen sprechen eine andere sprache. nur manchmal. selten. so gut wie nie. aber ich hab dich einmal nackt gesehen. wie das wieder klingt. du weisst, wie ich es meine.
die nackten augen, wilde augen waren es, die augen eines gequälten tieres, das sich in seinem käfig wund gelegen hat, die vielen jahre lang. ich möchte dich in meinem arm halten und ein lied für dich singen. ein lied, das dir den schmerz nimmt, auch wenn es nur für kurze zeit sein wird. das lied kenne ich auswendig. es hat keine worte.
es ist der himmel und der wind, das wilde tier mit dem seidigen fell, das auf einer waldlichtung steht und zum himmel schnuppert.
den ersten schnee riecht, ein tier das über eine ebene läuft, sich zu mir umdreht und mir einen gruss über die felder und wiesen hinweg schickt.

ich sehe den stern, der schon da ist, obwohl du noch hier bist, das licht, das direkt in deinen körper zu fliessen scheint, das dich umgibt wie eine aureole. ich sehe dich von weiter ferne auf der ebene stehen, der wind geht
und lauf. bitte. lauf so schnell du kannst.

Freitag, 10. Juli 2015

Freitag, 13. Dezember 2013

“My soul bleeds and the blood steadily, silently, disturbingly slowly, swallows me whole.” 


Fyodor Dostoevsky

Donnerstag, 3. Mai 2012

zurück in dark city. unkoordiniert, so als würde ein blinder versuchen, sich in einer fremden umgebung zurechtzufinden. in manchen gassen wünschte er sich ein nachtsichtgerät. die nacht war hier dunkler und dichter als sonstwo. aber durch eine dieser gassen musste er, um zu seiner lieblingsbar zu gelangen, die nach mitternacht noch offen hatte. die gasse war stockdunkel, die letzte strassenlaterne hatte vor einiger zeit ihren geist aufgegeben. trotz dunkelheit blieb er mitten in der gasse stehen, und zündete sich eine zigarette an. er sah vor sich hin, betrachtete den boden, seine schuhe, die pfütze regenwasser in der gosse. er rauchte und sah vor sich hin, mehr tat er minutenlang nicht. dann, mit einem grossen seufzer, der sein ganzes innenleben auszufüllen schien, hob er den blick empor zu einer der hausfassaden.

ein altes haus, herrschaftlich, noch immer prächtig. die fenster hoch, dahinter meterhohe räume. er fühlte müdigkeit und sehnsucht und so blieb er stehen, fühlte die kälte nicht, und bemerkte auch nicht, dass es zu regnen begonnen hatte. das eine fenster, zu dem er hinaufblickte, unterschied sich nicht von den anderen fenstern des hauses, und doch fixierte er es, als würde er nach einem stern ausschau halten. regen, der nachtwind und hinter einem schwarzen fenster der stern, der tief schlief, wahrscheinlich zur seite gebettet, wie sie es immer tat, hinter ihren augenlidern noch die erinnerungen an den vorigen tag, und er hoffte, es waren schöne erinnerungen, bessere als seine. er lächelte, während der regen über seine wangen lief. er würde noch ein, zwei drinks zu sich nehmen und dann wieder dieselbe gasse zurückgehen. vorbei an seiner heimat, zurück in seine wohnung gehen und dann betrunken genug sein, um einzuschlafen.

Montag, 30. April 2012

and everybody hurts
the price for being alive


gerade ist es ruhig in dark city. ich träume mich einem neuen morgen entgegen,
im schatten eines hauseingangs verborgen. in weiter ferne sehe ich lichter blinken
rot grün neonfarben
sie sind so weit weg, wie eine halluzination am horizont
eine megacity, eine auslöschung
das einzige was bleibt, sind die schritte des engels in den strassen
sein atem haucht frostspuren auf die auslagen der geschäfte,
sein faszinierter blick bleibt an einem gegenstand im fenster eines ladens hängen
es ist ein roter stern

...


so viel schmerzen murmelt er
und wendet sich ab
sein lächeln ist der schnitt in mein herz
manchmal ist die sehnsucht das einzig lebendige in uns

Montag, 16. Januar 2012

irgendwo mitten im ödland soll es diese busstation geben. sie hat sogar einen eigenen telefonanschluss. eine alte telefonzelle soll das sein und wenn man es wirklich schafft, die nummer rauszufinden und dort anruft, soll man dort am anderen ende, mitten im ödland, sein eigenes weinen hören. und man soll es nicht ertragen können.

Donnerstag, 1. Dezember 2011

ihr bruder war ein kaufmann

der lampion war immer sein liebstes gewesen, wie ein zweiter mond, hatte er gesagt und sich denselben gekauft,
obwohl es ihn mühe gekostet hatte, den händler ausfindig zu machen,
der inzwischen schon einige male umgezogen war, umziehen hatte müssen, sein geschäft, das sich immer im souterrain alter häuser befunden hatte, war jedes mal von den wassermassen des monsun geflutet worden
was man den alten möbeln ansah, die einst farbenfrohe malerei war inzwischen verblasst, die einstige pracht vergangen
und doch schleppte er die möbel immer mit, erbstücke, sagte er, seit hunderten von jahren in seiner familie befindlich,
er sagte, er würde sie auf seinem rücken tragen, doch man sollte alten männern nicht alles glauben,
vor allen denjenigen nicht, die einst zur see gefahren sind
ganz oben auf dem hölzernen schrank sass ein gemalter blauer schmetterling, den das hochwasser nicht erreicht hatte
über dem schmetterling hing ein grosser weisser lampion, der bei jedem luftzug in der luft zu tanzen schien und der schmetterling schlug mit seinen flügeln, wenn keiner hinsah
der blaue schmetterling hatte seinen zwilling im hügelland von china zurückgelassen, manche reisende stellten fest, dass die hügel des landes den toskanischen hügeln ähnelten, obwohl sie nicht so grün waren, das wilde grün war eindeutig chinesischer, das patinierte grün hingegen toskanischer herkunft
auf einem geschnitzten kasten, der die aussteuer eines chinesischen mädchen enthalten hatte, sass der zwillingsschmetterling mit den blauen flügeln und er sass meist reglos
das mädchen war zur alten frau geworden und der aussteuerschrank verschlossen und nie wieder geöffnet worden, nachdem ihr verlobter zur see gefahren und nie wiedergekehrt war

ihr bruder war ein kaufmann, der nichts fürchtete ausser den langen regentagen des monsun, erzählte sie immer wieder, dabei hätte er schon längst nach hause kommen können, doch wilde seelen hält nichts daheim, schon gar nicht, wenn es die seelen von menschen sind, die tiermasken tragen
manchmal trägt sie eine schmetterlingsmaske oder einen vogelkopf, ihr bruder hingegen trägt das gesicht einer katze
er ist über achzig erzählt sie und sein geschäft geht gut, er trinkt jeden tag kräuterlikör und kaut ginseng
er ist unsterblich sagt sie und der blaue schmetterling lässt die flügel vibrieren bis sie weint
glaubst du, fragt sie den schatten hinter ihrem bett, der vom mondlicht des weissen lampions nur sachte berührt wird,
ja, glaubst du, dass er recht hatte und wir unrecht
glaubst du, dass er im recht war
der schatten fliegt davon, über die täler und das schwarzgrün der nächtlichen wiesen und wälder, während sie ihm mit einem blütenbestickten taschentuch nachwinkt
das taschentuch mit den rosaroten blüten wurde einst von einem blinden mädchen bestickt, ein mädchen mit händen, so zart wie die hände eines kleinen kindes
die hände waren weiss wie milch und manchmal perlte ein winziger blutstropfen auf einer fingerspitze
manchmal landete der blutstropfen auf dem seidenweiss des stoffes, doch meistens schleckte sie ihn auf, mit ihrer rosigen langen zunge, die wie die zunge einer katze war
ich kann bei dunkelheit arbeiten, sagte sie, doch leider kann ich den weissen lampion nicht sehen, von dem ihr immer sprecht,
der, dessen licht dem mondlicht ähnelt, das ich jedoch sehen kann
es ist alles, was ich sehen kann, sagte sie
es ist wie gefrorene milch.

Montag, 30. Mai 2011

grüner kristall

"was bedeutet das meer für dich?", hatte sie gefragt und er hatte sie perplex eine zeitlang nur angesehen, so spontan war die frage gekommen, mitten beim dessert. sie waren essen gewesen, es war ein gelungener abend gewesen, mit kerzenlicht und allem, was dazugehörte. als das dessert vor ihnen stand, hatte er zugelangt wie ein firmling, obwohl er überhaupt keinen hunger mehr verspürte, sie aber hatte eine zeitlang aus dem fenster gesehen und vor sich hingesonnen. gar nicht ihre art. bei süssigkeiten konnte gerade sie sich nicht lang zurückhalten, aber sie war dagesessen, hatte ihr spiegelbild in der scheibe betrachtet, und sie hatte überlegt. lange überlegt.

sie hatte ihn danach merkwürdig angesehen. ein anflug von melancholie lag auf ihrer stirn, und sie hatte traurige augen, die im licht der kerzen sehr dunkel waren. man konnte das bernstein in ihren augen gar nicht mehr sehen, so dunkel waren sie plötzlich geworden. er verstand die frage wohl, aber nicht den grund für ihre plötzlich auftretende traurigkeit. der abend war vergnügt gewesen, sie hatten viel gelacht und bestens gegessen, als warum sollte sich ganz plötzlich ihre stimmung ändern? mit einem schlag. als würde eine kalte, traurige welle über sie hereinbrechen, sie überschütten mit grünem kristall.
wie kam er auf diesen ausdruck? grüner kristall.
kalter grüner kristall mit winzigen luftbläscheneinschlüssen, wie glas, dickes, schweres grünes glas, etwas, das den blick bannt. etwas faszinierend schönes. altes. uraltes.
"wer kennt den anderen schon wirklich", hatte er gedacht und eine leichte gänsehaut hatte sich auf seinen unterarmen gebildet. man lebt mit einem menschen jahrelang zusammen, aber dass man ihn dann kennen würde, kann man nicht wirklich behaupten.
er versuchte, auf ihre frage, die neue stimmung einzugehen, er dachte an den ozean und dass er ihm viel bedeuten würde, ja, aber nicht so viel wie ihr, das konnte er schon jetzt sehen. dass sie mit seiner antwort nicht wirklich zufrieden sein würde.

als er von seiner kindheit erzählte, dass er mit senen grosseltern immer am meer urlaub gemacht hatte, als die familie noch grösser war - er hatte tatsächlich gesagt, als wir noch alle beisammen waren, neigte sie den kopf, so leicht, beinahe unsichtbar, als würde eine königin einem von ihren untertanen zuhören und ihn auch verstehen, obwohl er ihr hemmungslos unterlegen war, aber sie nahm seine worte entgegen. lächelte. das traurigste lächeln der welt, dachte er, als wäre jemand gestorben und man würde sich an ihn erinnern, bei gesprächen und einem glas wein, als gelte es, einem geliebten verstorbenen seine aufwartung zu machen, ihn noch einmal zu fühlen, seinen geist, seine aura, bevor man ihn wieder gehen liess, bis zum nächsten mal.
die gänsehaut hatte sich inzwischen schon auf seinem rücken breitgemacht.

die leute im lokal hatten begonnen, sie anzustarren. auf eine merkwürdige art und weise. seine frau war sehr attraktiv und leute starrten immer, aber dieses mal...es war berührend und beängstigend zugleich. sie starrten, als würden sie etwas sehen, was sie nicht ertragen konnten. fassungslos. die frau am nachbartisch hielt ihr weinglas in der hand, in der bewegung zum mund festgefroren. das glas kippte leicht und einige tropfen rotwein landeten auf der weissen tischdecke, was sie jedoch nicht bemerkte. normalerweise amüsierte er sich prächtig, wenn anderen frauen seine frau anstarrten und irgendwie genau studierten, wie es eben nur frauen untereinander machten, aber diesmal war ihm nicht zum lachen zumute. eher im gegenteil. mit einem mal verstand er, dass er sie nie wirklich für sich gehabt hatte. dass sie frei war, niemandes frau, ohne bindung, ohne bezug zu seiner welt, er verstand, dass sie fremd war, wie ein alien, nicht unter ihresgleichen. etwas unsagbar kaltes ging von ihr aus, nicht die kälte eines leichnams, sondern kälter. von natur aus eiskalt. kalt wie ein fisch.
sie redete mit ihm und er verstand kein wort. sie war zu wundervoll, als sie so dasass, ihr das blonde weiche haar wie ein vorhang übers gesicht fiel, als sie sich vorbeugte, wie sie lächelte und wie ihre augen dabei traurig blieben. er glaubte nicht daran. wollte nicht daran glauben. er war kein kleines kind mehr. er konnte den gedanken nicht mal richtig zu ende denken, weil er sich vor sich selbst geschämt hätte, dass die frau, die er liebte, in dieser nacht zu einem wesen mutiert war, das es nur in mythen und legenden gab. wenn er ehrlich war, hatte es diese phasen schon einige male gegeben, nur nie so offen, nie so traurig und eindeutig. es war eine dieser nächte, in der sie stiller wurde, mehr für sich blieb, in der sie endlos draussen im garten war oder im mondlicht vor dem haus sass, träumend. verloren. ja, sie war völlig verloren. und sie war so schön, dass sie sie in stücke gerissen hätten, nur um sie zu besitzen. einen teil von ihr, und ihn am herzen zu tragen, als glücksbringer, als liebespfand, als kleine, traurige reliquie. einer meerjungfrau. einer magischen kreatur.

er wusste, dass ihre augen wie grüner kristall leuchteten. er hatte es schon gesehen, aber er wollte es nicht sehen, nicht verstehen. nie und nimmer. dass sie teil einer alten welt war und er nicht. dass sie heimweh verspürte, die er, obwohl er sie so schrecklich liebte, nie fortnehmen konnte, egal, was er tat. es würde immer zu wenig sein. er betrachtete seine traurige frau lange, griff über den tisch und nahm ihre kalte hand in seine. sie sah auf und da war es wieder, das funkeln, das grün, wie die wilde grüne see.

"was mir das meer bedeutet", sagte er schliesslich, und sie sah ihn stumm an. "es ist mein leben."
sie drückte seine hand, setzte zum reden an und brachte kein wort heraus. so sassen sie da, im zentrum der aufmerksamkeit und waren trotzdem wie auf einer insel, zu zweit.

er wusste nur, dass er sie liebte. es war alles, was er ihr geben konnte.
vielleicht war es ja doch genug.

Donnerstag, 13. Januar 2011


hopeless ghost

- für meine archangel bar

Sonntag, 10. Oktober 2010

geister

die weisse katze mit den grauen flecken sass im vorgarten des alten holzhauses. das haus war schon vor jahren, wenn nicht jahrzehnten, verlassen worden, zumindest sah es so aus, denn seine dunkelgrüne farbe blätterte in flocken ab und schälte sich in langen streifen von der fassade aus trockenem holz. die staubblinden fenster verwehrten den blick auf die innenräume.

die räume waren gewiss leer, aber das haus selbst weckte die assoziation mit alten möbelstücken, die in dem grauen dämmerlicht, das spärlich durch die fenster drang, ihren verstorbenen besitzern nachträumten. erinnerungen an lang vergangene tage. ein kleiner wintergarten, der früher eine veranda gewesen sein mochte, verlieh dem ansonsten einfachen, einstöckigen haus eine spur altmodischer, urbaner eleganz.
jemand warf noch immer werbematerial in den briefkasten.

bunte prospekte und flugzettel quollen aus dem briefkasten oder lagen auf der erde vor der tür. sonnenschein und regen hatten ihre einstmals leuchtenden, grellen farben zu verwaschenen pastelltönen gebleicht, aber man konnte einige davon noch immer lesen. hochglanz. diese prospekte halten sich lang, sie verfallen langsamer als dünnes zeitungspapier, ihre farben bleichen erst nach langer zeit aus. einrichtungshäuser und supermärkte bewarben ihre produkte in auffallend lauten farben und worten, doch abgesehen von vereinzelten passanten war niemand da, der sie hätte lesen wollen oder können. und so verblassten bilder zu sinnlosen farbklecksen, wandelten sich slogans zu dadaistischen botschaften. eine lebensmittelkette lockte mit lettern in erloschenem signalgelb. darunter prangte das bild eines bräunlichen objekts, das im besten falle noch als unflätig zu bezeichnen wäre und einem hundehäufchen nicht unähnlich war. ein werbeflyer eines kosmetikdiscounters lag quer über dem prospekt. "nur zur äusseren anwendung", teilte die bleiche schrift des flyers mit und erklärte doch so manches.

regen fiel auf das schindelgedeckte dach und auf das grauweisse fell der katze. sie gähnte und streckte sich durch. machte sich auf den rückweg. als sie auf die allee hinauslief, trafen wind und regen sie nun ungeschützt. sie miaute kläglich und lief nun schneller im schutz der bäume davon.


oben auf dem hügel stand ein prächtiges chinesisches restaurant.
warum es sich so hartnäckig hielt, wusste niemand, denn es hatte kaum besucher. die gähnend leeren räume waren spärlich beleuchtet und glichen hallen oder gängen, in denen die weissen lampions im windzug hin und herschwankten. aquarien mit gelangweilten goldfischen und skalaren besetzten ecken und nischen und warfen inseln aus gründämmerlicht in die gespenstige grauweisse umgebung.

wasser rieselte über steine und pflanzen, die an den rändern der aquarien in üppiger vegetation gediehen, wasser sprudelte auch aus aufgesperrten rachen von steinernen löwen und drachen, die gleich wasserspeiern auf den beckenrändern sassen und mit toten glotzaugen in die gänge starrten...


nachtrag: geister war eigentlich als kurzgeschichte gedacht. doch wie es oft beim geschichtenschreiben so ist, spalten sich vom beginn dieser geschichte andere geschichten ab. eine davon findet man hier im trans atlantis express, sie heisst "das verlassene haus". in dieser geschichte wird das sonderbare chinarestaurant besucht, im traum oder einer vision, und man kann dem schläfer oder visionär nur die daumen drücken, denn das, was er dort erlebt, ist nicht leicht zu ertragen. eine andere geschichte, die den besuchern meiner website dark city vielleicht bekannt ist, heisst "der schmetterling und der jadevogel". alle geschichten hatten ihren ursprung hier.

das kleine alte haus gab es wirklich. ich blieb oft davor stehen und sah in die staubigen fenster. manchmal reflektierten sie das licht auf eigenartige weise. dann dachte ich, ich könnte schemen von personen erkennen. einmal habe ich ihnen gewunken und ich fühlte ein lächeln als antwort. wer weiss schon, was real ist und was nicht? manchmal ist die ratio völlig fehl am platz. vor allem, wenn es um liebe geht, und ich liebte dieses kleine haus sehr. als es dann abgerissen wurde, war es so, als wäre ein lieber, alter bekannter gestorben.

Donnerstag, 14. Mai 2009

die verlassene puppe

die puppe sass aufrecht in ihrem sitz am fenster. nicht dass es etwas ausmachen würde, wo sie sass. sie starrte mit leeren augenhöhlen geradeaus. von der meereslandschaft, die vor dem zugfenster vorbeiglitt, konnte sie natürlich nichts erkennen. das fenster stand einen spalt weit offen und frische luft drang ins abteil. eine rotblonde haarsträhne wehte in ihr gesicht.
das mädchen war aufgestanden und hinausgegangen, nicht ohne der puppe noch einmal die spitzenhaube zurechtzurücken und ihr übers gesicht zu streichen. sie war aufgestanden und hatte sich noch einmal nach ihr umgedreht, ihre augen waren traurig gewesen, doch sie hatte nicht geweint. an der hand einer erwachsenen frau war sie auf den gang getreten und dann ohne sich umzublicken weiter gegangen. nachdem sie die tür zum abteil leise hinter sich zugezogen hatte.

die puppe starrte geradeaus. ihre händchen lagen in ihrem schoss aufeinander, als wären sie gefaltet worden. ein ganzer tag und eine nacht waren vergangen, ohne dass sich etwas getan hätte. nun war es morgen, das erste sonnenlicht drang durch das fenster des abteils und fiel auch auf ihr haar, das wie menschenhaar glänzte. dass es sich tatsächlich um menschenhaar handelte, war nur den kennern der puppenmarke bekannt. es handelte sich um ein teures modell aus paris, aus einer zeit, die man heute schon vergessen hatte. aus einer zeit der grossen namen, der haute couture, der stilikonen, der echten schönen dinge. sie war eines davon. ihr gesicht aus bisquitporzellan leuchtete,als ein sonnenstrahl darauf fiel, die verirrte haarsträhne, die ihr ins gesicht fiel, schien funken zu sprühen, rotgoldene funken, wie flüssiger bernstein. das kleid der puppe war aus altrosafarbenem damast gefertigt, mit häkelspitze an den ärmeln sowie am ausschnitt des kleides. blassviolette borten zierten das kleid, das mit winterweissen perlen und funkelnden glassteinen in dunkelviolett und burgunderrot bestickt war.

wie sie so da sass, bot sie ein bild von exqusisiter surrealer und morbider schönheit. eine puppe allein in einem verlassenen zugabteil am fenster, mit einer winzigen hutschachtel am nebensitz, wie eine kleine reisende, die am zielbahnhof von ihren eltern abgeholt werden würde. nur dass ihre mutter nicht mehr hier war. sie war irgendwo mitten auf der strecke ausgestiegen. obwohl sie es nicht gewollt hatte. die erwachsene frau hatte sie am arm genommen und hinter sich hergezogen und beide waren an einer haltestelle ausgestiegen, die eigentlich stillgelegt worden war, schon vor langer zeit. die haltestelle war nicht einmal im fahrplan verzeichnet gewesen. der bahnhof hatte ungastlich gewirkt, nicht passend für ein junges mädchen, traurig und grau. das junge mädchen war der einzige farbtupfer gewesen, doch als sie sich vom zug entfernt hatte, waren die farben ausgeblichen, als würde sich ein nebliges tuch über sie legen, klamm und kalt und schrecklich grau. sie war leicht gebeugt gewesen, als sie an der hand der frau gegangen war.
der schaffner betrat den waggon und setzte sich auf den platz gegenüber der einsamen puppe, betrachtete ihr funkelndes kleid, beugte sich vor und strich ihr leicht über die weisse wange mit dem hauch von aufgemaltem rosafarbenem puder darüber. sie haben sie weggebracht, sagte er. niemand dachte, dass es so weit kommen würde. hier auszusteigen, mitten auf der fahrt, und das, noch bevor die strecke einigermassen interessant geworden ist... sie hatte nie die chance, das hier zu sehen. er lächelte traurig. und dich musste sie hier lassen. gerade dich. du warst ihr schatz, so sagte sie zu mir, aber dort, wo sie jetzt hingeht....es ist ein kleiner tod, das erwachsenwerden. manche überleben es, andere hingegen...die träume verschwinden, weisst du. und irgendwie macht man es immer auch freiwillig. wenn sie sich wirklich gewehrt hätte, dann würde sie jetzt noch hier sitzen, zusammen mit dir. nach einiger zeit wird sie dich vermissen. sie wird sich nach dir sehnen und dann wird sie irgendwann wieder hier auf der strecke stehen. sie hätte mit uns reisen können, aber manche ziehen einen langen und qualvollen fussweg vor, über berge und täler, durch dornenhecken und giftiges gestrüpp. du wirst sie nicht wiedererkennen, wenn sie wieder einsteigt. sie wird traurig aussehen. faltig sein und müde. sie wird dich auf den schoss nehmen und langsam werden die erinnerungen wiederkommen. vergiss nicht, dass du ihre seele bist. auch wenn du jetzt so aussiehst, leer und kalt. das warst du nicht immer, ich weiss.
die puppe starrte vor sich hin. in ihren leeren augenhöhlen blitzte für eine sekunde ein lichtstrahl auf, gebündeltes licht in allen regenbogenfarben. dann verschwand es so schnell, wie es gekommen war und in ihren leeren augenhöhlen war nichts mehr als grau.


dennoch war sie sehr schön. es war nur so, dass ihre schönheit etwas schreckliches bekommen hatte, ähnlich einer relique oder eines konservierten leichnams. wir werden dich einfach hier sitzenlassen, sagte der schaffner. du hast ein ganzes abteil nur für dich. schade, murmelte er. so schade, dass das mädchen diesen anblick nicht mehr sehen konnte. gerade jetzt, wo es interessant wird. er beugte sich zu der puppe vor und begann ihr mit leiser stimme zu beschreiben, was er gerade sah. es war für später, wenn das mädchen, das dann eine ältere frau sein würde, wieder am bahnsteig warten würde. warten, auf das, was inzwischen passiert war, auf die geschichten und gefühle...heimwehkrank und voller sehnsucht. du wirst ihr alles zeigen, sie wird es in deinen augen sehen können, erklärte er der puppe.
es ist für später. wenn ihr wieder richtig sehen könnt, du und sie.