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Samstag, 24. September 2022

das wilde land

eine stadt, menschenmassen, eine gestalt mitten unter ihnen und doch für sich, ein fremder mit einer völlig anderen ausstrahlung, einer von dem die anderen unwillkürlich abrücken, warum auch immer. haben wir uns als kinder nicht oft gefragt, was es nun ist, das die anderen von uns fern hält? irgendwann lässt man es sein, und dennoch wäre es interessant, endlich mal die gewissheit zu haben, warum man so ist, wie man ist, und was man ist. ich sollte eigentlich sagen, wer man ist, aber ich schreibe bewusst was. ein wildes ding, ein etwas, das nicht definierbar ist, zumindest nicht nach dem schubladendenken der anderen, ein affront, ein aussenseiter, ein fremder, einer, dessen gesicht oft gequält aussieht, wenn er gefangen in städten und häuserschluchten herumirrt, einer, der vom wilden land träumt, wo alles anders ist. das wilde land, das niemals unterworfen und gequält wurde, das land mit der freien seele, die gesang so ähnlich ist, und das ihn, den fremden, in seine arme schliesst. das land, in dem er tief und ohne alpträume schläft, und erfrischt aufwacht, um den tag zu begrüssen, den er genauso liebt wie die nacht. das land, in dem er alles liebt. sogar sich selbst.


das wilde ding schliesst erschöpft die augen und blendet die menschenmassen rund um sich aus. rundherum ist alles grau in grau, und alles ist gift und schmerz. wenn sie nur sehen könnten. diejenigen, die einen grossen bogen um die bank machen, auf der das erschöpfte wilde ding mit geschlossenen augen zurückgesunken lehnt, wenn sie nur sehen könnten, was dieser fremde sieht. vielleicht wäre dann alles anders.
aber es ist gut so, murmelt das wilde ding und weiss, dass es recht hat, leider, fügt es traurig hinzu. sie würden das land sehen und nicht begreifen. und langsam würden sie es mit einer grauen, giftigen schicht überziehen, bis alles langsam und traurig vegetiert, dann stirbt, ganz langsam, so denken sie, aber wahnwitzig schnell in wahrheit. uraltes wachstum, das sich seit millionen jahren entwickelt hat, innerhalb von ein paar menschengenerationen vernichtet, das ist wohl schneller, als es der verstand erfassen kann, und das herz schon gar nicht.

würde er ihnen vom wilden land erzählen, würden sie ihn für verrückt erklären und ihm sagen, dass es so etwas nicht gibt. weil sie es nicht kennen und nicht definieren können, weil es nicht in ihr schubladendenken passt. genauso wenig wie er.

Montag, 17. Mai 2021

im frühling

im frühling

schüttelt der wilde wind

das blaue himmelstuch

auf dem in kreuzstich

ein weisses lamm der welt erscheint


ein zirruswölkchen treibt

über den feldaltar unserer

sehnsucht


ein weisser schmetterling schreibt

muttertagsgedichte

auf ein hellblaues luftblatt

ein lachendes kind im

erstkommunionskleid

läuft über die ebene


lieber gott im himmel

lieber gott...

 

Sonntag, 17. November 2019

über der blauen hügelkette in der ferne glänzte der himmel. frischgewaschen, grau und blauschattiert, mit violetten rändern.
die letzten sonnenstrahlen, mächtiges, blutiges bronze, ertönten metallen, als ein tag, endlos, ging vorüber, eine nacht, endlos, begann

er stand am fenster.
über sein gesicht liefen tränen.
er schaute nur
schaute
während das echo der sonne in ihm widerhallte
der klang seines herzens sich von flüssigem metall hin wandelte
zum langsamen trägen dunklen strom
die nacht zog ihn fort, er glitt hinein
willenlos, er lächelte
die liebe zog ihn fort,
er gab sich auf und starb wie der tag,
um neu zu erstehen

der glanz des himmels lag wie ein umgekehrter schatten
auf seinem gesicht - er hielt ihn fest...

Sonntag, 18. November 2018

Die Traumküste

An der Küste des Ozeans verstecke ich mich hinter Bäumen und Gebüsch. Ich kauere mich eng an den Boden, damit ich nicht entdeckt werde. Im tiefsten Schatten bin ich. Vor mir erstreckt sich der Strand, sandig und weiss. Ich bin allein hergekommen, von sehr weit her. Ich scheine eine kleine Ewigkeit weit weg zu wohnen, aber ich habe den Ozean tatsächlich gefunden, die ferne, doch nicht gänzlich fremde Küste, die ich nur zögernd betreten habe. Als würde ich ein Tabu brechen. Ich habe mich den ganzen Weg über bemüht, leise zu gehen, aber ich fürchte, dass man mich schon längst entdeckt hat und mich beobachtet. Ich bin anscheinend ein auffallender Eindringling, obwohl ich gerade dies niemals beabsichtigt hatte. Wahrscheinlich war das Pochen meines Herzens zu laut.

Donnerstag, 26. Juli 2018

stein gebiert neue formen
zeichen auf den mauern
vom regen
vom wind
ich folge ihnen mit den augen
...mit den fingern
bedächtig zeichne ich ihre
umrisse nach
wie landkarten
geheimwege die in
mein inneres führen
die wolken stehen fedrig
über baumwipfeln
aus tiefem blau blitzt ein lächeln
findet ihr mich?

Mittwoch, 11. Juli 2018

Ein Atlanter kehrt heim



Archangel Bar Deep Space
verfasst am: 07 Mai 2007 0:27


Vielleicht sollte ich wirklich nach Ozeanien ziehen? Dort gibt es den Berg, der innen hohl ist und aus Wasser besteht, und schwarze Erde und grünes Wasser. Dort könnte wirklich die verlorene Traumküste liegen, die *Position der Nordküste, wie in der schönen Geschichte, die ich immer und immer wieder lesen muss, damit ich dieses Gefühl nicht vergesse, ja, das Gefühl des Seefahrers, des Küstenentdeckers, des Heimkehrers. Dort gibt es Millionen Quadratkilometer Wasser und nur wenige Quadratmeter Land, und nur wenige Menschen. Tuvalu klingt schön, verlockend, und machmal sehe ich mit goldenen Augen mitten hinein in die Landschaft aus schwarz und grün und ein Funke beginnt zu sprühen, ein Gefühl, das ich beinahe vergessen hätte. Ewiges Leben in Wasser und frischem, wildem Land, vergoldete Haut, so stark, der Körper, der Geist.

Die längst verloren geglaubte Küste taucht wieder auf, nach so langer Zeit, sie zeigt sich oft und in unterschiedlichen Manifestationen, eine verlockender als die andere, eine köstlicher und erfrischender als die andere.
Ein Atlanter kehrt heim.



*R.A. Lafferty: Die geheime Position der Nordküste,
erschienen im ersten Almanach der Hobbit.Presse
Klett-Cotta-Verlag



Sonntag, 1. Juli 2018

neptun


sie trägt ein hellblaues kleid, blau wie der himmel hinter dem zugfenster.
rundherum dehnt sich endloses blau.
und da sagen leute, etwas anderes würde zählen, lacht sie.
ein kleiner neptun winkt mit seinem dreizack und summt seinen willkommensgruss.
lange her, dass du zuhause warst. wie lange wirst du diesmal bleiben?
ich habe einöden durchquert und felder aus feuer, flirrt ihre stimme im sonnenlicht.
hab ich es mir nicht verdient, für immer zu bleiben?
er nickt und lässt es goldene münzen auf den strand regnen.
du erinnerst dich?


Sonntag, 26. November 2017

sommer II - hundstage


I


im flirrenden licht der sonne bildeten hügelketten verschwommene umrisse von schwarz, das sich über gelb und sienna von feldern und sandkuhlen erhob. die landschaft wirkte wie ausgestorben, menschenleer. das schwirren, surren, krabbeln und flattern von insekten bildete eine geräuschkulisse, die viel zu laut, wie ein greller klangteppich, über der scheinbar unbelebten landschaft lag.
ein aussergewöhnlicher tag, obwohl er sich dem anschein nach in nichts von den übrigen tagen unterschied
ein blutiger, schreiender tag
über dem der schatten der sonne lag
alles war im begriff, sich aufzulösen. sich als illusorisch herauszustellen.

II


in den hundstagen lastete die hitze wie eine decke über den tälern,
kein windhauch bewegte die luft, die gerüche waren mannigfaltig,
süss und holzig über den hügeln in der ferne, würzig über den wiesen,
stechend und scharf am strassenrand, wo unzählige tiere zu tode gekommen waren.
am feldrain lagen kröten und frösche, ab und zu auch ein vogel oder eine überfahrene katze.
hier stank der sommer nach tod und verwesung, nach dunkelheit
er nahm die form eines bösartigen tieres an,
dessen atem nach verwesendem fleisch und vergorenem blut stank

III


das tier lag träge am strassenrand und kaute an fleischfetzen, haut und sehnen, bis nur noch blanke knochen blieben, die es mit seiner feurigen zunge bleich leckte.
grünschillernde fliegenschwärme begleiteten das tier, glitten wellenförmig auf seinem heissen atem dahin, taumelten auf bunten verwesungsfarben, lagen hilflos auf dem rücken und zappelten in blutlachen

drifteten durch blutschwere luft
-rot und braun auf blauem grund-

IV


in der ferne zogen vogelschwärme dahin.
vögel, über deren flügel wellenförmig neue strukturen glitten, flogen, tauchten
waren verschwunden
schemenhafte wellentaucher

schattenhaft. verwirrend. schmerzlich.


Sonntag, 24. April 2016

sommer I - das alte land

als sie ankamen und sich mit müden augen zum ersten mal umsahen, war licht alles, was sie aufnahmen, dunstiges zwielicht, das über der dicht bewaldeten hügelkette in der ferne lag. licht, das ihren augen wohl tat und tröstliche stille, die ihre angespannten sinne beruhigte, sie einhüllte und barg

im hereindämmernden abend sassen sie vor dem haus und träumten der versunkenen welt entgegen, die sie in ihren städten nicht oder kaum mehr kannten, obwohl sie immer gewusst hatten, dass sie existierte
und als die abenddämmerung kam wie ein stiller gast, samtig grau und violett, und ihre augen und herzen überströmten, schmiegten sie ihre gesichter wie liebende dem himmel entgegen




II



sie sassen um den grossen tisch in der küche des alten hauses und assen oliven, in kräuteröl eingelegten würzigen feta und weissbrot, tranken wein, der ebenfalls leicht nach olien schmeckte, nach harz und pinienzapfen. der wein war leicht ölig und anders als alles, was sie bisher getrunken hatten. typisch für diese gegend, wo die natur schwer und sonnnendurchglüht und träge war, funkelnd im licht und bis zum äussersten ausgereift in form und geschmack, zu sinnlich beinahe, sinnenbetäubend

tage wie reifer wein in schweren pokalen
ohne es selbst zu bemerken, hatten sie die farben des sommers angenommen




III


und wie im rausch vergingen die tage, ein jeder morgen noch lichter, sehnsuchtsvoller als der morgen zuvor
noch mehr, immer wieder mehr von licht und dunkel,
sonnengeflirre und schatteninseln, bis sie trunken waren vom licht und den farben
und dennoch nach mehr verlangten

dürstend nach dem schwarz des landes und dem blau des himmels
ausgehungert nach dem blut der erde, das aus überreifen, zerplatzten trauben
über ihre gesichter und in ihre kehlen lief
bis sie müde vom überfluss einschliefen, die gesichter auf dunkle erde geschmiegt
und von feurigen rossen träumten, die aus licht waren
und den lachenden sonnengott im himmelswagen durch die blaue luft zogen