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Dienstag, 12. Juli 2022

grauschleier

Das Haus ist weit draussen, kilometerweit von der nächsten Ortschaft entfernt, umgeben von hohen Zypressen und etwas niedrigeren Obstbäumen, die sich über das weitläufige Anwesen verteilen. Bei Nacht kann es einsam werden. Sehr einsam.


In einen südländischen Frühling duckt sich etwas so Grauenhaftes, Dunkles, etwas, das die Farben des Frühlings auslöscht zu völliger Farblosigkeit, nein, eher zu monochromen Farben, wie Bilder, die ein Augenkranker sehen mag. Jemand, der Farben nicht mehr sehen, sich aber noch daran erinnern kann, und dessen Erinnerung langsam verblasst. Im Zentrum des Hauses herrscht blendendes kaltes Weiss. In das Haus kommen die Toten, dort beginnt ihre langsame Reise ins Vergessen.


Die Farben werden von metallischen Tönen überzogen, sie wirken stumpf und abgestorben. Unter der Berührung der Toten stirbt jedes Blatt, wird von Silbergrau überzogen, als wäre es von Parasiten befallen, die dem Blatt die Lebensenergie entziehen, zuerst dem Blatt, dann der Pflanze. Silberne Blätter leuchten im Mondlicht, Staub tanzt in der Luft, knisternde, raschelnde Geräusche entstehen, wenn sich staubtrockene Blätter einrollen.. ununterbrochen raschelt und knistert es, mondsüchtige, weisse Triebe spriessen aus der Erde wie Finger. Etwas weiter weg vom Haus stehen schwarze Zypressen und verkrüppelte Olivenbäume, die ineinander verschlungen wachsen und eine Mauer aus schwarzem Wurzelwerk bilden, undurchdringlich, verkrüppelt, bei Mondlicht eigentümlich gnom-ähnlich.


Ein breiter Aufgang führt zum Haus, eine Freitreppe, dann ein grosses Tor. Hoch türmt es sich. Die Tür ist unversperrt oder der Schlüssel steckt im Blumentopf in der trockenen Erde. Man weiss es instinktiv, greift automatisch danach und zieht ihn an seinem reichverzierten Griff aus der Erde. Ein grosser Schlüssel, schwarz, aus Eisen wie das Tor. Die Fensterscheiben sind grau und stumpf, als wären sie von innen beschlagen oder mit oxydiertem Metall beschichtet, das Licht dringt gefiltert ein, auch das Mondlicht erhält so eine eigene Qualität, es gleicht grauem Regen.

Es regnet oft. Dann spriessen die mondsüchtigen, bleichen Triebe unter den Fenstern und ums Haus.


Dort im Mondlicht zu sitzen ist traurig und melancholisch, alles ist zu grau geworden. Man wartet. Während alle Erinnerungen verblassen, alle Farben langsam schwinden, der Geist sich leert. Im grauen Regen, im Zwielicht, man sitzt am Fenster, nicht mehr wartend, man wüsste nicht, worauf. Vielleicht wird man sich dann erheben und den Korridor entlanggehen, der zum Zentrum des Hauses führt. Während das Haus und der seltsame Garten sich selbst auflösen, die Wände verblassen und durchscheinend werden...der Korridor, durch den man vor kurzem noch gegangen ist, verschwindet wie ein verblassender Traum 5 Minuten nach dem Aufwachen.

Sonntag, 23. Juli 2017

impressionen von der künstlichen stadt auf den hügeln


diese landschaft dort oben am hügel ist eine durch und durch künstliche. ein komplex von alten und neuen gebäuden, funkelndem glas und stahl, neben alten behäbigen steinernen bauten, die wie riesengrosse villen aussehen. der komplex bildet eine stadt in der stadt mit einer ganz eigenen ausstrahlung. cool mit all den monitoren, die verschiedene blickwinkel der stadt wiedergeben, ein summen und brummen ab und zu wie von computern
computerkunst und kunst in 3 D, virtuelle realität und kunst zum angreifen, bieten sich dem besucher der stadt beinahe beiläufig dar
ein langer weg wie eine brücke zwischen gebäuden mit fassaden wie aus opakem glas, kühl, die farbe eine winterliche art von eisgrün...unwirklich...die fassade, dahinter ein himmel von strahlendem engelsblau, weiß bewölkt

zwischen eisgrün und engelsblau führt die brücke in eine parklandschaft mit darin verstreuten würfelähnlichen gebilden in bunten farben
violett hauptsächlich aber auch grün und pink
daneben täfelchen wie in einem botanischen garten
die aussenhaut der würfel leuchtet
computerbilder vom menschlichen körper
knorpelmasse und ein innenohr
knochen muskelfasern
der boden ist gefroren und morgendunkel, der himmel strahlt, doch der boden atmet noch die kälte der nacht aus
man träumt sich kameraaugen, um das fotografische tagebuch zuhause mit bildern füllen zu können doch man ist gezwungen, vergängliches zu akzeptieren
ein, zwei bilder brennen sich ins gedächtnis, wo sie jahrelang gespeichert bleiben, um plötzlich, unerwartet, wieder emporzusteigen
ein, zwei bilder gekoppelt mit starken gefühlen, die jahre später dem erinnernden scharfe tränen in die augen treiben werden

die brücke zwischen eisgrün und engelsblau

wie fröhlich man zwischen alter und neuer kunst zu wandeln vermag...switch on...switch off...heiter schimmernde insekten-facettenaugen nehmen schönheit auf, knipsen bildchen für den temporären erinnerungs-ordner, der stetig geleert wird
was bleibt von einem spaziergang übrig außer diesen schnell gezeichneten wort-bildern
nicht viel außer einem unbestimmten gefühl der fröhlichkeit und ein, zwei bildern von engelhaftem schönheitsschmerz
impressionen von der künstlichen stadt auf den hügeln
ein künstlicher see fehlte noch mit monitoren am ufer und alten bäumen, des meisters echte kunst...
das alte trifft das neue, vermag es zu umarmen, anstatt es von sich zu stossen
die harmonie erstaunt, macht betroffen...
ein weiter blick hinunter in die welt, die noch im morgenschatten liegt, offenbart vertrautes

inmitten hoher bäume schlummert weit unten der stille hain
der alte friedhof, auf dem man wandelte, als man dem ruf der müden seele folgte, die träumen wollte
anders träumen als auf den hügeln der künstlichen stadt
endgültig zielgerichtet
die wahrheit liegt dort unten
im schattigen garten


tanzen möcht ich nicht mehr
sprach das einsame mädchen auf den hügeln
und wandte seinen schritt
langsam
endgültig
dem schattigen tale zu
von eisgrün und engelsblau träum ich nicht mehr,
mir ist nach tiefem ernstem schwarz
lächelte der totenkopffalter
einst schillerndes schwirrendes insekt...
seine flügel breitete er aus
in samtigstem schwarz
und langsam wurde er fortgetragen
es war einfach, nur hinabzuschweben
in das schattige tal
und er sank hinab

Samstag, 25. Juni 2016

die silberne mondspur


"wir verlieren sie."
die stimme kommt von weit her, irgendwo in diesem grellweissen licht, das durch meine geschlossenen lider dringt. Das licht stört mich, ich möchte gern in meinem verdunkelten zimmer schlafen, bei heruntergelassenen jalousien die hitze des nachmittags verschlafen. am abend kurz wach sein und hinaussehen in den garten, bis ich wieder einschlafe in meinen kühlen, weissen laken, die ständig gewechselt werden, wenn ich sie wieder durchgeschwitzt habe.
ich habe nie schmerzen. das einzige, was sich unangenehm anfühlt, ist die müdigkeit in mir, die tag für tag grösser wird, je mehr, wie mein bedürfnis wachzubleiben steigt. 
in den letzten augenblicken will man nichts mehr versäumen, mit geschärften sinnen nimmt man jede noch so unwichtige kleinigkeit wahr. sogar eine fliege an der wand gewinnt jetzt an bedeutung, man will wach bleiben, man will sehen. bewahren? ich sammle eindrücke in meinem erinnerungsalbum, ich rieche die blumen auf meinem nachtkästchen und notiere mit meiner ordentlichen schrift, dass ich sehr glücklich war und bin.

„wir verlieren sie.“
ich weiss nicht, was die stimme damit meint. einmal bin ich mitten in der nacht aufgewacht, als hätte mich jemand geweckt. ich sah eine silberne mondspur auf der wiese bis hinüber zum wald. ich stand auf, verliess das zimmer und ging bis zum frühen morgen spazieren. es war die vorige nacht und als die schwestern meine laken wechselten und meine schmutzigen fusssohlen sahen, sahen sie mich lang an, doch sie sagten nichts. eine davon, die jüngere, drehte sich von mir weg und schien zu weinen. sie scheinen mich in mein zimmer zurückgebracht zu haben, denn das grelle weisse licht, das mich am schlafen gehindert hat, macht angenehmer dunkelheit platz.
nacht senkt sich über meine lider. ich schlafe mit der gewissheit ein, dass ich wieder geweckt werde, um der mondspur zu folgen, draussen auf der wiese, hinüber zum wald.


Freitag, 10. Juli 2015