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Sonntag, 1. Juli 2018

neptun


sie trägt ein hellblaues kleid, blau wie der himmel hinter dem zugfenster.
rundherum dehnt sich endloses blau.
und da sagen leute, etwas anderes würde zählen, lacht sie.
ein kleiner neptun winkt mit seinem dreizack und summt seinen willkommensgruss.
lange her, dass du zuhause warst. wie lange wirst du diesmal bleiben?
ich habe einöden durchquert und felder aus feuer, flirrt ihre stimme im sonnenlicht.
hab ich es mir nicht verdient, für immer zu bleiben?
er nickt und lässt es goldene münzen auf den strand regnen.
du erinnerst dich?


Sonntag, 20. August 2017

das stille liebespaar


er liest ihr aus einem buch vor.

sie ist so auf ihn konzentriert, dass sie die umgebung nicht beachtet. er ist ein schöner mann, vielleicht nicht schön für den geschmack der masse, dafür ist er zu dünn. sein gesicht ist sehr schmal, seine wangen sind leicht eingefallen, doch sein mund ist voll und sieht sinnlich aus.
er liest ihr konzentriert vor und sie sieht ihm ins gesicht. sie wirkt nicht so, als könnte sie sich auf das konzentrieren, was er liest, obwohl sie sich mühe gibt. er lenkt sie zu sehr ab. sie studiert seine züge wie eine landkarte, die man liebevoll und aufmerksam studiert, wenn man eine lange reise plant.
ein unerforschtes land.

wenn er so liest, sieht er jesus ähnlich, der gerade seinen jüngern ein gebet vorträgt - so sehr ist er auf den text konzentriert. er will sie damit bezaubern, aber das hat er schon längst getan, durch seine gegenwart allein. ein wenig erinnert er auch an johnny depp oder che guevara, ein abenteurer, einer, der nie den leichtesten weg geht.

neben den beiden liegt sein abgegriffener gitarrenkoffer auf der bank. das mädchen kann nur ein paar akkorde, aber sie liebt es, seine gitarre in ihren händen zu haben, und ohne es wirklich zu können, darauf zu spielen und dazu zu singen. die stimme des mädchens klingt wie regen. sie hat nie singen gelernt, aber ihre stimme ist fein und ausdrucksvoll und vibriert wie regen, der zur erde fällt.
dann sieht er sie ähnlich an wie sie ihn gerade eben, konzentriert, wie eine landkarte. 
orte, die alle poetische namen haben. strassen, die nie in die irre führen. auf seltsame art schon jetzt vertraut, aber nicht daran gewöhnt, nie daran gewöhnt, und so wird es immer sein. 
ein regenbogen mit einem topf gold am anderen ende.


Donnerstag, 4. Juni 2015

der seiltänzer


das mädchen im blauweissen shirt sitzt stundenlang in derselben position und blickt aufs meer hinaus
am gang lehnt ein junger mann an der halboffenen tür seines abteils und sieht den möwen zu
seine zigarette verglüht hinter ihm unbeachtet zu asche
der lokführer hält eine antike seefahrtskarte in der hand
er blickt sinnend auf den blankpolierten kompass
schaltet die geräte ab und lehnt sich zurück
grünes meerwasser spritzt auf die scheibe
ein buntgewandeter seiltänzer tanzt 10 meter über der meeresoberfläche
die enden des seils verschwinden im dunst am horizont
was für ein schöner anblick das ist, murmelt schläfrig eine alte frau am fenster
ich wollte ihn doch immer noch einmal sehen
er verneigt sich leicht, während sie ihm leise applaudiert

Montag, 2. Dezember 2013

gestern im zug traf ich auf eine merkwürdige person


    ...die mir sofort lang und breit erzählte, dass sie eigentlich tot war. auch
    über ihre todesart redete sie gern und ausführlich. ich dachte bei mir, mein
    gott, es kann nicht angehen, dass jetzt schon die toten aus ihren löchern
    krabbeln und auf der welt herumgehen bzw. wie es in diesem unserem fall war,
    herumreisen. wir sassen zusammen in einem zugabteil, das äusserst schlecht
    durchlüftet war und ihr geruch - ich möchte nicht allzusehr ins detail
    gehen, aber sagen wir mal so: sie roch abgelegen - ihr geruch erfüllte bald
    das abteil bis in die letzte nische. als ich das fenster öffnen wollte,
    musste ich bemerken, dass es derartig von rost bewachsen, ja befallen war,
    dass ich keine chanche hatte, das vermaledeite ding auch nur sagen wir mal
    einen inch zu bewegen.


    ich rüttelte an dem nutzlosen fenstergriff, bis mein
    secondhandmantel von dior - sie wissen, werte freundin, wie sehr ich
    secondhand-haute couture mag - bis besagter altrosafarbener mantel (der mit
    dem schwarzen spitzenkragen, mein lieblingsstück) über und über mit rost
    befleckt war, der sich in grossen flocken von der korrodierten metallschiene
    löste und schon überall im abteil verteilt war. die kleine tote person, die
    es sich mir gegenüber bequem gemacht hatte, lachte inzwischen auf eindeutig
    hämische manier, ein unerzogenes kind, aber bildhübsch, also verzieh ich ihr
    die kleinen unartigkeiten und anstatt sie zu tadeln suchte ich in meiner
    handtasche lieber nach zuckerwerk, das ich für die lange reise in einem
    kleinen bonbon-laden im stadtzentrum von paris erstanden hatte.


    die kleine person wurde so zutraulich, dass sie sogar ihren sitzplatz wechselte und
    sich neben mir niederliess und nach einiger zeit spürte ich ihre kleine
    hand, die nach meiner griff. ihr geruch störte mich nicht mehr, ich war
    davon überzeugt, dass auch ich inzwischen schon genauso roch wie sie....



[lila von rittersbach: reisebriefe]

Mittwoch, 4. Mai 2011

der engel des anbrechenden tages

in einem abteil weiter vorn im zug. die vorhänge an der tür sind halb zugezogen, sie flattern im luftzug, das fenster steht offen. jemand liegt auf der bank und sieht hinaus. ein mädchen, ganz allein.

sie trägt eine kurze hippiebluse mit rotem blütenmuster zu dunkelblauen jeans, die an ihren hüftknochen hängt, dunkelblau, retro, mit abgewetztem stoff, auf dem geschliffene bunte glasperlen funkeln wie kleine verirrte sterne, wunderschön wie alles, was sie trägt, zwischen sehr schäbig und sehr glamourös, nicht grad stylish, sondern mehr, niveauvoll auf eine art und weise, die man nicht auf den ersten blick erkennen würde, auf den zweiten blick umso mehr, aber dann kann man ohnehin nicht mehr wegsehen, von dieser erscheinung, die elfengleich oder wie einer dieser unfassbar schönen rockstars einfach nur enspannt auf der bank liegt und gleichzeitig so aussieht, als würde sie posieren. bei ihr sieht alles wie pose aus, alles was sie tut, und wenn sie nur beim bäcker baguettes kauft. wahrscheinlich, weil sie elegant ist, zart und mit langen gliedmassen, elegant von natur aus.

an ihrem hals hängt ein lederband mit einem silbernen blüten-anhänger, der nach flohmarkt aussieht oder nach einem dieser wirklich guten juweliere, die schmuckstücke herstellen, die nach flohmarkt aussehen, und wieder muss man daran denken, wie es ist, einfach so am frühen sonntag morgen über den flohmarkt zu schlendern, mit wenig geld aber viel zeit, und dem tag beim erwachen zuzusehen, vielleicht danach eine tasse milchkaffee zu trinken, in einem winzigen kaffeehaus, in dem es nach frischen brötchen und kaffee duftet, nachher blumen für die wohnung zu kaufen, die man in den flohmarktvasen überall in den zimmern verteilt
sie sieht nach allen diesen dingen aus, wie gemalt, ein bild aus angenehmen erinnerungen und frischen träumen, wie der tag, der gerade anbricht, kaleidoskopartig bunt, gemustert, durchbrochen von versprengtem sonnenlicht und
verwirbeltem zigarettenrauch.

ungewollt wie ein rockstar auszusehen und immer noch wie ein kind zu sein, das hat sie wohl gut drauf und es ist bei ihr echt und nicht gestellt, das sieht man an ihren augen, die wie die eines rehs sind, dunkelbraun und weit offen. klare augen. wie ein waldteich, bei dem man auf den grund sehen kann, ohne trübungen, als wäre alles ganz einfach, was es sicher nicht ist, und sie weiss das, aber es kümmert
sie nicht. sie reist in ein unbekanntes land, das sie nicht fürchtet. vielleicht gäbe es einiges, was zu fürchten wäre, aber wie es eben so ist, es kümmert sie nicht. sie hat genügend kraft und innere ruhe.


diese reise anzutreten, das wünschte ich uns allen, eine reise in ein frisches grünes land, zusammen mit den engeln des anbrechenden tages. es liegt an uns, was wir daraus machen.

Montag, 5. Juli 2010

morgenmädchen

aus meinen reise-aufzeichnungen: wenn der tag erwacht, erwachst auch du. ein teil von dir wird sich nun jedoch zur ruhe begeben. ein teil von dir schläft immer.


heute im zug, ca. um 6.30. der vollmond stand über der einsamen landschaft, die wir durchfuhren, ein perfekter vollmond, riesengross, wie ein gigantischer planet, eine 2. erde. ich dachte noch im halbschlaf, dass ich nun fotografieren sollte, doch die kamera lag in diesem augenblick vergessen auf dem küchentisch, in der dunklen küche, wo sie doch das licht hätte einfangen sollen.
ich war müde, als hätte ich wochenlang nicht geschlafen, ich döste..und erwachte bei sonnenaufgang. bald würde es schneien, die luft war eiskalt, ich war verschlafen und fröstelte, hineingekuschelt in meinen sitz am fenster. der nebel hob sich und liess buntbelaubte bäume erkennen, rauch aus kaminen, die ersten lichter in den fenstern.

ein eigenartiges gefühl, es sich in einem leeren abteil gemütlich einzurichten, beinah wie der versuch, ein stück zuhause mitzunehmen, auf reisen, in einem beinah menschenleeren zug. ich wünschte mir eine decke, am liebsten handgestrickt und warm und kuschelig, oder einen quilt über meinen beinen, und ein grosses wolltuch über meinen schultern.
eine katze auf dem schoss, bienenwachskerzen und heissen kakao.
ich wünschte mir, zuhause zu sein.
im warmen weichen morgennebel mit verschlafenen augen und einem kinderherz


wie anders gestaltet sich eine nächtliche fahrt in einem beinah menschenleeren zug. das abteil leer, die füsse lässig auf dem gegenüberliegenden sitz, rauchend, das fenster geöffnet. der wind bauscht die vorhänge, fährt in die haare und unter die
kleidung. die geräusche des zuges, das schleifen auf den schienen, quietschendes metall und ein zischeln von funken
natürlich kein künstliches licht, unsereins braucht kein licht,
wir sehen in der nacht
wie gespenster
der mond brüllt uns entgegen und unverletzlich lachen wir ihm blutrot entgegen


wie schizophren, murmelt dir die morgenkreatur ins ohr und sieht verletzlich wie aus gesprungenem glas in nebel, dunst
und verquirlte farben hinaus,
hilflos, verletzlich im morgenrot gefangen
ein tag der leiden wenn du menschen begegnest
ein guter tag, wenn du ihnen entkommst

du kleiner märtyrer
die nächtliche kreatur kotzt dem morgenmädchen blut ins gesicht
darunter reflektiert gesprungenes glas die farben des tages

Donnerstag, 14. Mai 2009

die verlassene puppe

die puppe sass aufrecht in ihrem sitz am fenster. nicht dass es etwas ausmachen würde, wo sie sass. sie starrte mit leeren augenhöhlen geradeaus. von der meereslandschaft, die vor dem zugfenster vorbeiglitt, konnte sie natürlich nichts erkennen. das fenster stand einen spalt weit offen und frische luft drang ins abteil. eine rotblonde haarsträhne wehte in ihr gesicht.
das mädchen war aufgestanden und hinausgegangen, nicht ohne der puppe noch einmal die spitzenhaube zurechtzurücken und ihr übers gesicht zu streichen. sie war aufgestanden und hatte sich noch einmal nach ihr umgedreht, ihre augen waren traurig gewesen, doch sie hatte nicht geweint. an der hand einer erwachsenen frau war sie auf den gang getreten und dann ohne sich umzublicken weiter gegangen. nachdem sie die tür zum abteil leise hinter sich zugezogen hatte.

die puppe starrte geradeaus. ihre händchen lagen in ihrem schoss aufeinander, als wären sie gefaltet worden. ein ganzer tag und eine nacht waren vergangen, ohne dass sich etwas getan hätte. nun war es morgen, das erste sonnenlicht drang durch das fenster des abteils und fiel auch auf ihr haar, das wie menschenhaar glänzte. dass es sich tatsächlich um menschenhaar handelte, war nur den kennern der puppenmarke bekannt. es handelte sich um ein teures modell aus paris, aus einer zeit, die man heute schon vergessen hatte. aus einer zeit der grossen namen, der haute couture, der stilikonen, der echten schönen dinge. sie war eines davon. ihr gesicht aus bisquitporzellan leuchtete,als ein sonnenstrahl darauf fiel, die verirrte haarsträhne, die ihr ins gesicht fiel, schien funken zu sprühen, rotgoldene funken, wie flüssiger bernstein. das kleid der puppe war aus altrosafarbenem damast gefertigt, mit häkelspitze an den ärmeln sowie am ausschnitt des kleides. blassviolette borten zierten das kleid, das mit winterweissen perlen und funkelnden glassteinen in dunkelviolett und burgunderrot bestickt war.

wie sie so da sass, bot sie ein bild von exqusisiter surrealer und morbider schönheit. eine puppe allein in einem verlassenen zugabteil am fenster, mit einer winzigen hutschachtel am nebensitz, wie eine kleine reisende, die am zielbahnhof von ihren eltern abgeholt werden würde. nur dass ihre mutter nicht mehr hier war. sie war irgendwo mitten auf der strecke ausgestiegen. obwohl sie es nicht gewollt hatte. die erwachsene frau hatte sie am arm genommen und hinter sich hergezogen und beide waren an einer haltestelle ausgestiegen, die eigentlich stillgelegt worden war, schon vor langer zeit. die haltestelle war nicht einmal im fahrplan verzeichnet gewesen. der bahnhof hatte ungastlich gewirkt, nicht passend für ein junges mädchen, traurig und grau. das junge mädchen war der einzige farbtupfer gewesen, doch als sie sich vom zug entfernt hatte, waren die farben ausgeblichen, als würde sich ein nebliges tuch über sie legen, klamm und kalt und schrecklich grau. sie war leicht gebeugt gewesen, als sie an der hand der frau gegangen war.
der schaffner betrat den waggon und setzte sich auf den platz gegenüber der einsamen puppe, betrachtete ihr funkelndes kleid, beugte sich vor und strich ihr leicht über die weisse wange mit dem hauch von aufgemaltem rosafarbenem puder darüber. sie haben sie weggebracht, sagte er. niemand dachte, dass es so weit kommen würde. hier auszusteigen, mitten auf der fahrt, und das, noch bevor die strecke einigermassen interessant geworden ist... sie hatte nie die chance, das hier zu sehen. er lächelte traurig. und dich musste sie hier lassen. gerade dich. du warst ihr schatz, so sagte sie zu mir, aber dort, wo sie jetzt hingeht....es ist ein kleiner tod, das erwachsenwerden. manche überleben es, andere hingegen...die träume verschwinden, weisst du. und irgendwie macht man es immer auch freiwillig. wenn sie sich wirklich gewehrt hätte, dann würde sie jetzt noch hier sitzen, zusammen mit dir. nach einiger zeit wird sie dich vermissen. sie wird sich nach dir sehnen und dann wird sie irgendwann wieder hier auf der strecke stehen. sie hätte mit uns reisen können, aber manche ziehen einen langen und qualvollen fussweg vor, über berge und täler, durch dornenhecken und giftiges gestrüpp. du wirst sie nicht wiedererkennen, wenn sie wieder einsteigt. sie wird traurig aussehen. faltig sein und müde. sie wird dich auf den schoss nehmen und langsam werden die erinnerungen wiederkommen. vergiss nicht, dass du ihre seele bist. auch wenn du jetzt so aussiehst, leer und kalt. das warst du nicht immer, ich weiss.
die puppe starrte vor sich hin. in ihren leeren augenhöhlen blitzte für eine sekunde ein lichtstrahl auf, gebündeltes licht in allen regenbogenfarben. dann verschwand es so schnell, wie es gekommen war und in ihren leeren augenhöhlen war nichts mehr als grau.


dennoch war sie sehr schön. es war nur so, dass ihre schönheit etwas schreckliches bekommen hatte, ähnlich einer relique oder eines konservierten leichnams. wir werden dich einfach hier sitzenlassen, sagte der schaffner. du hast ein ganzes abteil nur für dich. schade, murmelte er. so schade, dass das mädchen diesen anblick nicht mehr sehen konnte. gerade jetzt, wo es interessant wird. er beugte sich zu der puppe vor und begann ihr mit leiser stimme zu beschreiben, was er gerade sah. es war für später, wenn das mädchen, das dann eine ältere frau sein würde, wieder am bahnsteig warten würde. warten, auf das, was inzwischen passiert war, auf die geschichten und gefühle...heimwehkrank und voller sehnsucht. du wirst ihr alles zeigen, sie wird es in deinen augen sehen können, erklärte er der puppe.
es ist für später. wenn ihr wieder richtig sehen könnt, du und sie.