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Samstag, 15. Mai 2021

der nichtschwimmer

eines tages besuchte ihn ein alter schulfreund, mit dem er nur sporadisch kontakt gehalten hatte. er war in der schule einer von denen gewesen, die den ton angegeben hatten, und so befreundet war er nun auch wieder nicht mit ihm, aber zumindest teilten sie eine ziemlich lange zeitspanne miteinander, eine zeitspanne, von der er immer wieder gesagt hatte, wie gut es doch sei, dass sie vorüber war und nie wiederkommen würde.

sein schulfreund, so fiel ihm gerade wieder ein, war ein rechtes grossmaul gewesen. kaum ein ort, an dem er nicht gewesen war, kaum ein mädchen, das er ausgelassen hatte - und er hatte gute noten gehabt, was ihn nicht gerade ansprechender erscheinen liess. er selbst war eine bank weiter hinten gesessen und hatte oft auf die logos der t-shirts gestarrt, die sein kollege bevorzugt trug. nicht so sein ding. eigentlich überhaupt nicht. wieder mal diese offene zurschaustellung einer überlegenheit, die ihm damals schon ziemlich hohl vorkam.

später dann die briefe, noch später die emails. briefwechsel, die hauptsächlich themen wie arbeit und establishment behandelten und er hatte sie immer abgearbeitet wie eine mühselige pflicht, die er nun mal hatte. bis zu der einen mail, die anders war als sonst.

sein schulfreund hatte geschrieben, ob er ihn nicht für ein paar tage besuchen könnte. er hatte lange mit der antwort gezögert und immer im hinterkopf das bild bei sich getragen, wie sein freund sich in seinem winzigen haus umsehen und ihn dann fragend ansehen würde, mit der unausgesprochenen, weil wohl zu privaten frage, ob das alles sei. er fühlte sich schon gestresst, als er die mail gelesen hatte und überlegte, wie er den kopf aus der schlinge bekommen könnte - eine ausrede, eine verdammt gute ausrede musste her, aber es war ihm nichts brauchbares eingefallen und so sagte er nach einer woche nachdenken entnervt zu. er besass sogar die freundlichkeit, seinem schulkollegen das gästezimmer anzubieten, was dieser angenommen hatte, ohne sich gross dafür zu bedanken.


es war alles gekommen, wie er sich gedacht hatte, nur noch schlimmer. der mann hatte sich seit seiner schulzeit kaum verändert und wenn ja, dann noch weiter zum lauten, angeberischen hin. er sprach den ganzen ersten abend lang über seinen job, der überbezahlt war - er tat dies als unwichtig ab und doch bemerkte man, wie sehr es ihm gefiel, hier den macher raushängen zu lassen, einer, der es geschafft hatte - wenigstens einer von der ganzen klasse.

am liebsten hätte er den yuppie gleich wieder abserviert, schon als er aus seinem dunkelblauen neuen bmw gestiegen war, mit dem laptopkoffer in der hand und den dunklen sonnenbrillen, die er pseudolässig in sein haar geschoben hatte. einer von denen, die einfach nicht verstehen, dass eines der wichtigsten gesetze des universums lautete: wer die sonnenbrille im haar trägt, gilt als kretin und soll dementsprechend verachtet werden.

er hatte sich mühsam beherrscht und ihm die hand hingestreckt, die sein kollege so fest gedrückt hatte, dass es geschmerzt hatte. der händedruck eines managers, besagte der schraubstockgriff, und ausserdem hatte er seine hand gleich mal netterweise nach unten gedrückt. er wollte ihm daraufhin eine reinhauen und tat es nicht - hatte er nie getan - und lud ihn statt dessen ein, sich mit ihm vor's haus zu sezten und draussen eine nette flasche wein zu trinken. woraus nichts geworden war, denn der freund steuerte zielstrebig die haustür an, woraufhin er ihm gefolgt war, leise in sich hineinfluchend und bis aufs äusserste angespannt. es gibt regen, das kann man ja sehen, hatte sein freund gemeint, doch dass kein regen kam, war vorauszusehen. der grosskotz wollte nur mal wieder seine überlegenheit zur schau stellen. das, was er sagte, das galt. es wurde ein wunderbarer abend, wie man sich denken kann. 


er hörte zu, wie sein freund redete, und er kam kaum zu wort. bis auf das eine mal, als er sich quasi dafür entschuldigen musste, dass er wie ein student vor sich hinlebte, ohne genaue lebensplanung (er hatte nur noch müde gegrinst), ohne ehefrau und kinder (junge, dir läuft die zeit weg, mir ja auch, aber mich frisst die arbeit auf, ich hab keine zeit für familienplanung). so ging es weit bis in die nacht hinein.

er konnte kaum schlafen. dachte nur noch, dass es die reine hölle sein würde, mit dem typen zusammen den ganzen nächsten tag zu verbringen und die darauffolgenden tage auch, und als krönung wieder mal die reisserischen logos auf seinen shirts zu betrachten, die zusammen mit der ins haar geschobenen sonnenbrille die reine körperverletzung darstellen mussten.


es begann genauso, wie er es befürchtet hatte. was, du hast keinen internetanschluss? wie soll ich die börsenkurse abrufen? ach, vergiss es, du brauchst sowas ja nicht.... genau, brauchte er nicht, und den menschen ihm gegenüber genauso wenig. sie brachten den vormittag bis zum mittagessen mehr schlecht als recht hinter sich - sein freund hatte in seinem zimmer einige stunden gelesen, später hatte er gekocht und als sie zusammen am küchentisch sassen, war sein freund müde von der seeluft und redete nicht mehr so viel wie am abend zuvor. sie hatten einen strandspaziergang vereinbart und er wartete nach dem essen auf seinen freund, der sich schnell etwas passendes, wie er sagte, anziehen wollte. als er die küche betrat, in einem weissen shirt mit designerlogo auf der brust und weissen  sommerhosen, die einfach nur widerwärtig aussahen, war es dann fast brenzlig geworden. doch er hatte sich noch ganz gut im griff und grinste nur, zog sich seinen schwarzen kapuzenpullover über und ging voran.


sie sassen auf der klippe, hinter der das haus lag, und sahen zum horizont hinüber, einigermassen müde vom langen gehen, vor allem sein freund, der diese strapazen nicht gewohnt war. er war noch mal zum haus gelaufen und hatte zwei dosen bier geholt, während sein freund wartete, ausserdem brachte er ihm seine alte windjacke mit, die dankbar in empfang genommen wurde. 

die stimmung war nicht schlecht. die alten zeiten wurden gehörig durch den kakao gezogen, die fiesen streiche, die die lehrer zum ausrasten gebracht hatten, und er wartete lange und vergebens auf ein wort der angeberei, das nicht und nicht kommen wollte. sein freund sah jung aus, fiel ihm auf. verdammt jung. und seine apokalyptische weisse hose war einigermassen dreckig vom sand.

sie sahen zu, wie die sonne langsam hinter den horizont glitt und die grauviolette färbung wie ein schatten über dem meer lag.


weisst du, sagte auf einmal sein freund, ich hab angst vor dem wasser. hatte ich immer schon. kannst du dich erinnern, ich wär als kind fast mal ersoffen. hab das nie vergessen können.

nein, sagte er, das wusste ich nicht mehr. muss für dich ziemlich ekelhaft sein, so nah am wasser.

nein gar nicht, sagte sein freund, komisch, aber wahr. es ist anders, als ich mir gedacht hatte.

beruhigend, dass du da bist. jetzt lachte er.

sag mal, ne bitte. ich meine, kannst du, könntest du... 

was denn?

kannst du mir schwimmen beibringen? 

Sonntag, 18. November 2018

Die Traumküste

An der Küste des Ozeans verstecke ich mich hinter Bäumen und Gebüsch. Ich kauere mich eng an den Boden, damit ich nicht entdeckt werde. Im tiefsten Schatten bin ich. Vor mir erstreckt sich der Strand, sandig und weiss. Ich bin allein hergekommen, von sehr weit her. Ich scheine eine kleine Ewigkeit weit weg zu wohnen, aber ich habe den Ozean tatsächlich gefunden, die ferne, doch nicht gänzlich fremde Küste, die ich nur zögernd betreten habe. Als würde ich ein Tabu brechen. Ich habe mich den ganzen Weg über bemüht, leise zu gehen, aber ich fürchte, dass man mich schon längst entdeckt hat und mich beobachtet. Ich bin anscheinend ein auffallender Eindringling, obwohl ich gerade dies niemals beabsichtigt hatte. Wahrscheinlich war das Pochen meines Herzens zu laut.

Mittwoch, 11. Juli 2018

Ein Atlanter kehrt heim



Archangel Bar Deep Space
verfasst am: 07 Mai 2007 0:27


Vielleicht sollte ich wirklich nach Ozeanien ziehen? Dort gibt es den Berg, der innen hohl ist und aus Wasser besteht, und schwarze Erde und grünes Wasser. Dort könnte wirklich die verlorene Traumküste liegen, die *Position der Nordküste, wie in der schönen Geschichte, die ich immer und immer wieder lesen muss, damit ich dieses Gefühl nicht vergesse, ja, das Gefühl des Seefahrers, des Küstenentdeckers, des Heimkehrers. Dort gibt es Millionen Quadratkilometer Wasser und nur wenige Quadratmeter Land, und nur wenige Menschen. Tuvalu klingt schön, verlockend, und machmal sehe ich mit goldenen Augen mitten hinein in die Landschaft aus schwarz und grün und ein Funke beginnt zu sprühen, ein Gefühl, das ich beinahe vergessen hätte. Ewiges Leben in Wasser und frischem, wildem Land, vergoldete Haut, so stark, der Körper, der Geist.

Die längst verloren geglaubte Küste taucht wieder auf, nach so langer Zeit, sie zeigt sich oft und in unterschiedlichen Manifestationen, eine verlockender als die andere, eine köstlicher und erfrischender als die andere.
Ein Atlanter kehrt heim.



*R.A. Lafferty: Die geheime Position der Nordküste,
erschienen im ersten Almanach der Hobbit.Presse
Klett-Cotta-Verlag



Sonntag, 1. Juli 2018

neptun


sie trägt ein hellblaues kleid, blau wie der himmel hinter dem zugfenster.
rundherum dehnt sich endloses blau.
und da sagen leute, etwas anderes würde zählen, lacht sie.
ein kleiner neptun winkt mit seinem dreizack und summt seinen willkommensgruss.
lange her, dass du zuhause warst. wie lange wirst du diesmal bleiben?
ich habe einöden durchquert und felder aus feuer, flirrt ihre stimme im sonnenlicht.
hab ich es mir nicht verdient, für immer zu bleiben?
er nickt und lässt es goldene münzen auf den strand regnen.
du erinnerst dich?


Donnerstag, 15. Juni 2017

der einsiedlerkrebs


"es gäbe viel zu sagen", schrieb er in sein notizbuch, hielt dann innne und runzelte die stirn. "es gäbe viel zu sagen und doch werde ich es nicht tun, weil ich...ja weil ich schon seit langem nichts mehr zu sagen weiss. so ist es doch. ich weiss seit monaten nichts mehr zu sagen. in mir ist eine leere, die ich so noch nie kannte. es ist so, als wäre ich von diesem planeten ausradiert worden. weggewischt von der hand eines spielenden kindes, das nicht versteht, was es gerade anrichtet. so fühlt es sich an. so sinnlos, das ganze", murmelte er und zündete sich einen zigarillo an, blickte über's meer hinaus und rauchte vor sich hin.

"ich meine, es ist vor allem sinnlos, wenn man darauf einsteigt. sinnlos, wenn man diese ganzen lügengeschichten, die plötzlich wie visionen in deinem kopf auftauchen, dann für bare münze nimmt und darauf eingeht, eventuell sogar etwas davon umsetzt, in die reale welt mitnimmt...was würde man alles verlieren? die geschichten laufen nämlich immer auf eines hinaus", erklärte er einem vorüberwandernden einsiedlerkrebs, der eine prächtige villa auf seinem rücken einherschleppte, "die geschichten laufen immer auf einen gigantischen verlust hinaus. alle diese geschichten. es sind nicht die geschichten, die wir uns immer erzählen, im freundeskreis, wenn wir wieder einmal alle zusammen sind. es sind böse geschichten. und sie greifen nach unserer welt und reissen sie in einen sog aus ...gar nichts."

"deshalb bin ich so müde geworden", erklärte er dem eifrig vor sich hinstapfenden tierchen. "ich habe zugehört, stell dir vor, ich habe es wieder und wieder getan und meine vorsätze missachtet und nun sieh mich an. älter geworden und gar nichts dazugelernt. das hier riskiert, für nichts und wieder nichts. ich finde keine worte mehr." er hielt mit seinen ausführungen inne, stutzte und begann dann zu lachen, als ihm klar wurde, dass er die ganze zeit geredet hatte und dass es nicht im geringsten schwer gewesen war, diesem winzling von krebs etwas zu erzählen, das der krebs zwar nie im leben verstehen würde, das aber für ihn selbst der schlüssel zu einem käfig war, in dem er die letzten monate gehockt hatte, mit angezogenen beinen und armen, wie ein armer sünder am pranger kurz vor seiner hinrichtung.


es war ein schlüssel von maroder pracht, stellte er fest. er war nicht glitzernd und neu, sondern alt und korrodiert. ein sonderbares wappen befand sich auf dem griff, mit gekreuzten knochen darüber. ein schlüssel, wie er älter und poröser nicht sein konnte. er war schon hunderttausendmal und mehr verwendet worden, das konnte man gut sehen. abgegriffen sah er aus. was ihn zutiefst freute. er war anscheinend einer in einer lange reihe von leuten, die zu einer gewissen zeit ihres lebens nach dem schlüssel griffen und mit ihm die tür des engen käfigs aufschlossen, um nach draussen zu treten. dass da draussen sand und meer sein würden, war sowieso klar, das müsste man gar nicht mehr erwähnen. es war immer sand und meer und wenn man glück hatte, ein winziger einsiedlerkrebs, der gerade vor einem durch den sand stapfte und eine winzige schleifspur im nassen sand hinterliess.
er legte das notizbuch beiseite und schloss die augen. der wind war anders als vorhin. er roch nach abenteuern und er lächelte...

Freitag, 14. April 2017






All she wanted
was the smell of the sea, of disappearance.



 Louise Glück



Mittwoch, 17. August 2011

strawberry shortcake

Sie war endlich am Meer, sah endloses Grün, weisse Gischt, darüber den blauen Himmel und irgendwie war sie fast zu glücklich für einen allein.
Ja, sagte sie. Ja.Ja.Ja.
Es klang so komisch, dass sie lachen musste. Und immer, wenn sie lachen musste, bekam sie Hunger. Ein kleiner Stand mit rotweiss gestreiftem Sonnenschirm befand sich direkt gegenüber der Mole, über die sie gerade gekommen war. Sie bestellte einen Erdbeerpie, den echten Strawberry Shortcake, zum Mitnehmen, und ass ihn, während sie am Strand entlangschlenderte. Der Junge vom Stand sah ihr nach und lächelte. Eine echte Meerjungfrau, sie braucht kein Kostüm, keinen falschen Fischschwanz, keine Glitzerketten, nichts. Die ist echt, dachte er. Keine Frage. Schon wie sie ging und immer ein bisschen zu nah am Wasser, als würde sie die See magnetisch anziehen. Anscheinend war ihr egal, dass ihre Schuhe dabei nass wurden. Sie hatte diese ungezwungene Art, die er bei Frauen so mochte, sie war selbstsicher, aber nicht auf diese aggressive Art, die moderne Frauen heute zur Schau stellen, wohl nur, um ihre Unsicherheit zu überspielen. Er dachte daran, wie ein Date mit ihr sein mochte. Und sah ihr lange nach, bis eine ungeduldige Kinderstimme ihn aus seinen Träumen riss.

Eine kleine aufgetakelte Meerjungfrau, schon für die Mermaid-Parade aufgestylt, mit ihrer stolzen Mom im Schlepptau, die den Fotoapparat gezückt hatte, um jeden Schritt der Kleinen fürs Familienalbum festzuhalten. Natürlich musste er ebenfalls mit aufs Bild. Sein Lächeln fiel etwas dünn aus, aber er bemühte sich redlich, obwohl es ihm schwer fiel. Am liebsten hätte er den Stand im Stich gelassen und wäre der Frau von vorhin nachgelaufen, hätte irgendwo Blumen gekauft und wäre dann vor ihr gestanden, wie ein Schulkind, ausser Atem und verlegen. Wollen Sie mich heiraten? Er grinste. Sie würde wohl umkippen. Ich habe Sie vorhin zum ersten Mal in meinem Leben gesehen, und wollen Sie mich heiraten und mit mir viele kleine Meerjungfrauenkinder haben? Seltsam, aber es kam ihm plötzlich völlig normal vor, so zu handeln. Konnte gut sein, dass ihm der Wahnsinn, der hier ringsumher herrschte, langsam zu Kopfe stieg. Eine neue Fähre legte an und entliess eine Woge von Tüll, Satin und Bikinitops auf den Strand.

Die Mole war ein glitzernder Catwalk geworden, auf dem urbane Meerjungfrauen flanierten. Glitzerstaub flirrte in der Luft wie eine besonders schöne und tödliche Sorte von Feinstaub oder Smog. Er wischte sich über die Augen. Der Anblick war surreal. Barbiepuppen mit langem blondem Kunsthaar, viel nacktes gebräuntes Fleisch, einiges eindeutig falsch, Transvestiten, Models und Missen, Beachschönheiten mit perfekten Figuren.
Aber keine Meerjungfrauen, dachte er und wunderte sich über sich selbst. Keine einzige echte Meerjungfrau. Bis auf die eine, die er heiraten wollte. Er fragte sich, ob die Ehe mit einer Meerjungfrau komplizierter sei als eine normale Ehe mit einer normalen Menschenfrau. Und wie die Kinder aussehen würden. Hübscher als Menschenkinder. Natürlich. Er lächelte einer Barbiepuppe in Babyblau und Silber unbewusst ins Gesicht und zuckte zusammen, als sie sein Lächeln strahlend erwiderte und Anstalten machte, näherzukommen. Sie würde sowieso nur eins dieser Lightprodukte bestellen, das ekelerregende Diät-Erdbeereis, das momentan so beliebt war. Sie war wie alle hier, vorhersehbar, geistlos und unsagbar langweilig. Als sie an den Stand kam, bediente sie sein Kollege und er war dankbar dafür. Er täuschte vor, sie zu spät gesehen zu haben und zuckte lächelnd mit den Schultern, als sie wieder ging und ihm einen bedauernden Seitenblick zuwarf, dann war sie schon in der Menge verschwunden, was er garantiert nicht bedauerte. Er sah sie 10 Minuten später auf der Mole für Fotografen posieren wie ein Model. Es sah unsagbar bizarr aus, was sie da betrieb, denn sie hatte ihren Fischschwanz angelegt und hoppelte linkisch die Planken entlang wie ein gehbehindertes Kaninchen.


Ein leichter Wind kam auf und brachte Salz und eine Spur Sand, wahrscheinlich tödlichen Glitzersand vom Meerjungfrauengestade, der ihn für immer blenden würde, wenn er ihn in die Augen bekäme. Es kam natürlich genau so, wie er es vorhergesehen hatte, eine gehörige Portion salziger Sand zusammen mit dem hell gleissenden Licht drang mitten in seine Augen, und in der Woge von Licht und Wind, der vom Meer kam, stand sie plötzlich vor ihm am Stand und lächelte ihn an. Vielleicht hoffte er ja nur, dass sie es tat, sie schien jedenfalls zu lächeln. Im Moment konnte er eigentlich nur erkennen, dass es eindeutig sie war, er kannte ihre Umrisse, er hatte ihr ja lang genug nachgesehen. Ihr Abbild geisterte noch immer auf seiner Netzhaut herum, als wäre er ein Spiegel, in den sie geblickt hatte. Er kam sich sagenhaft dämlich vor. Stand vor ihr und wischte sich Sand und Tränen aus seinen Augen, die sicher verquollen waren, als hätte er Heuschnupfen.
Es war nicht zu fassen. Das Szenario, das er sich vorhin noch vorgestellt hatte, war plötzlich weit weg. Er, der Kavalier, der ihr wie in einem Kitschfilm Blumen überreichte und sie, wie sie erstaunt und ein wenig scheu nach den Blumen griff und dabei seine Hände berührte. Eine langfingrige Hand, die ein Papiertaschentuch hielt.

Er sah staunend auf diese zarten Finger. Sogar ihre Finger hatten etwas meerjungfrauenhaftes, sie waren schmal und elegant, sie trug einen goldenen Ring mit einem kleinen Seestern aus Türkis, der sich mit ihrer warmen leuchtenden Haut in wunderbarer Harmonie verband. Ihr Handgelenk schmückte ein schmaler Goldreifen. Natürlich hatte sie keine Schwimmhäute zwischen den Fingern. Vielleicht wuchsen sie ihr erst im Wasser.

Die bewundernswerte Hand wedelte nun nachdrücklich mit dem Taschentuch vor seinem Gesicht. Sah fast so aus, als würde jemand die weisse Fahne hissen, um zu signalisieren, dass er in Frieden gekommen war. Es war süss, wie sie vor seinem Gesicht herumwedelte. Vielleicht war er auch über und über mit Sand bedeckt, wer weiss. Er stellte sich vor, wie er als kleines Häufchen Sand hinter der Kuchenvitrine stand, und wie sie ihn gesehen hatte, die menschliche Sanddüne, und schon aus Mitleid herangekommen war, um ihm wieder seine menschliche Forum zurückzugeben. Sie war nicht sandig, natürlich nicht. Sie sah frisch aus wie gerade aus dem Wasser gehüpft.
Er nahm das Tuch an, murmelte verlegen seinen Dank und wischte sich den Sand aus den Augen.

Als er sie klar sehen konnte, war sein erster Gedanke: Sie ist zu schön für mich . Die Schneekönigin entführt den kleinen Kai, nur dass diese hier nicht mit Eis und Schnee und Rentieren und einem Schlitten ankommt, sondern mit grünen Meereswogen, gleissendem Licht und Seepferdchen, die ihren Wagen ziehen. Meerschaum. Blinkende Wellen. Er sah sie an.

Ihr Mund lächelte immer, er war an den Mundwinkeln hochgezogen, wie bei einem Delphin. Irgendetwas an ihr war anders als vorhin, als er sie zum ersten Mal gesehen hatte, doch genau konnte er es nicht sagen, es war eine subtile Veränderung, sicher nichts äusserliches.

Das Mädchen leuchtete von innen, als hätte sie Licht getrunken.


fortsetzung folgt...eines schönen tages

Montag, 30. Mai 2011

grüner kristall

"was bedeutet das meer für dich?", hatte sie gefragt und er hatte sie perplex eine zeitlang nur angesehen, so spontan war die frage gekommen, mitten beim dessert. sie waren essen gewesen, es war ein gelungener abend gewesen, mit kerzenlicht und allem, was dazugehörte. als das dessert vor ihnen stand, hatte er zugelangt wie ein firmling, obwohl er überhaupt keinen hunger mehr verspürte, sie aber hatte eine zeitlang aus dem fenster gesehen und vor sich hingesonnen. gar nicht ihre art. bei süssigkeiten konnte gerade sie sich nicht lang zurückhalten, aber sie war dagesessen, hatte ihr spiegelbild in der scheibe betrachtet, und sie hatte überlegt. lange überlegt.

sie hatte ihn danach merkwürdig angesehen. ein anflug von melancholie lag auf ihrer stirn, und sie hatte traurige augen, die im licht der kerzen sehr dunkel waren. man konnte das bernstein in ihren augen gar nicht mehr sehen, so dunkel waren sie plötzlich geworden. er verstand die frage wohl, aber nicht den grund für ihre plötzlich auftretende traurigkeit. der abend war vergnügt gewesen, sie hatten viel gelacht und bestens gegessen, als warum sollte sich ganz plötzlich ihre stimmung ändern? mit einem schlag. als würde eine kalte, traurige welle über sie hereinbrechen, sie überschütten mit grünem kristall.
wie kam er auf diesen ausdruck? grüner kristall.
kalter grüner kristall mit winzigen luftbläscheneinschlüssen, wie glas, dickes, schweres grünes glas, etwas, das den blick bannt. etwas faszinierend schönes. altes. uraltes.
"wer kennt den anderen schon wirklich", hatte er gedacht und eine leichte gänsehaut hatte sich auf seinen unterarmen gebildet. man lebt mit einem menschen jahrelang zusammen, aber dass man ihn dann kennen würde, kann man nicht wirklich behaupten.
er versuchte, auf ihre frage, die neue stimmung einzugehen, er dachte an den ozean und dass er ihm viel bedeuten würde, ja, aber nicht so viel wie ihr, das konnte er schon jetzt sehen. dass sie mit seiner antwort nicht wirklich zufrieden sein würde.

als er von seiner kindheit erzählte, dass er mit senen grosseltern immer am meer urlaub gemacht hatte, als die familie noch grösser war - er hatte tatsächlich gesagt, als wir noch alle beisammen waren, neigte sie den kopf, so leicht, beinahe unsichtbar, als würde eine königin einem von ihren untertanen zuhören und ihn auch verstehen, obwohl er ihr hemmungslos unterlegen war, aber sie nahm seine worte entgegen. lächelte. das traurigste lächeln der welt, dachte er, als wäre jemand gestorben und man würde sich an ihn erinnern, bei gesprächen und einem glas wein, als gelte es, einem geliebten verstorbenen seine aufwartung zu machen, ihn noch einmal zu fühlen, seinen geist, seine aura, bevor man ihn wieder gehen liess, bis zum nächsten mal.
die gänsehaut hatte sich inzwischen schon auf seinem rücken breitgemacht.

die leute im lokal hatten begonnen, sie anzustarren. auf eine merkwürdige art und weise. seine frau war sehr attraktiv und leute starrten immer, aber dieses mal...es war berührend und beängstigend zugleich. sie starrten, als würden sie etwas sehen, was sie nicht ertragen konnten. fassungslos. die frau am nachbartisch hielt ihr weinglas in der hand, in der bewegung zum mund festgefroren. das glas kippte leicht und einige tropfen rotwein landeten auf der weissen tischdecke, was sie jedoch nicht bemerkte. normalerweise amüsierte er sich prächtig, wenn anderen frauen seine frau anstarrten und irgendwie genau studierten, wie es eben nur frauen untereinander machten, aber diesmal war ihm nicht zum lachen zumute. eher im gegenteil. mit einem mal verstand er, dass er sie nie wirklich für sich gehabt hatte. dass sie frei war, niemandes frau, ohne bindung, ohne bezug zu seiner welt, er verstand, dass sie fremd war, wie ein alien, nicht unter ihresgleichen. etwas unsagbar kaltes ging von ihr aus, nicht die kälte eines leichnams, sondern kälter. von natur aus eiskalt. kalt wie ein fisch.
sie redete mit ihm und er verstand kein wort. sie war zu wundervoll, als sie so dasass, ihr das blonde weiche haar wie ein vorhang übers gesicht fiel, als sie sich vorbeugte, wie sie lächelte und wie ihre augen dabei traurig blieben. er glaubte nicht daran. wollte nicht daran glauben. er war kein kleines kind mehr. er konnte den gedanken nicht mal richtig zu ende denken, weil er sich vor sich selbst geschämt hätte, dass die frau, die er liebte, in dieser nacht zu einem wesen mutiert war, das es nur in mythen und legenden gab. wenn er ehrlich war, hatte es diese phasen schon einige male gegeben, nur nie so offen, nie so traurig und eindeutig. es war eine dieser nächte, in der sie stiller wurde, mehr für sich blieb, in der sie endlos draussen im garten war oder im mondlicht vor dem haus sass, träumend. verloren. ja, sie war völlig verloren. und sie war so schön, dass sie sie in stücke gerissen hätten, nur um sie zu besitzen. einen teil von ihr, und ihn am herzen zu tragen, als glücksbringer, als liebespfand, als kleine, traurige reliquie. einer meerjungfrau. einer magischen kreatur.

er wusste, dass ihre augen wie grüner kristall leuchteten. er hatte es schon gesehen, aber er wollte es nicht sehen, nicht verstehen. nie und nimmer. dass sie teil einer alten welt war und er nicht. dass sie heimweh verspürte, die er, obwohl er sie so schrecklich liebte, nie fortnehmen konnte, egal, was er tat. es würde immer zu wenig sein. er betrachtete seine traurige frau lange, griff über den tisch und nahm ihre kalte hand in seine. sie sah auf und da war es wieder, das funkeln, das grün, wie die wilde grüne see.

"was mir das meer bedeutet", sagte er schliesslich, und sie sah ihn stumm an. "es ist mein leben."
sie drückte seine hand, setzte zum reden an und brachte kein wort heraus. so sassen sie da, im zentrum der aufmerksamkeit und waren trotzdem wie auf einer insel, zu zweit.

er wusste nur, dass er sie liebte. es war alles, was er ihr geben konnte.
vielleicht war es ja doch genug.

Mittwoch, 22. Dezember 2010

winterfest

logbuch || if we should come to rest || we'll keep on dreaming || about journeys in clear waters and skies || call it fate

die ersten schneeflocken waren gefallen, zwar war nichts liegengeblieben, aber der richtige schnee würde bald kommen, das war sicher. und dann die winterstürme, die die wellen zu bergen auftürmen würden, zu eisgrauen, kalten bergen. er liebte das meer, auch wenn es wild und bedrohlich aussah und er mochte auch den wintersturm und den graupeligen eisregen, der die haut wie mit tausend nadeln sticht. heute war ein klarer tag. man konnte in die weite sehen. endlos, wie in einen blauen spiegel, der am rand jedoch eine leichte aschgraue färbung angenommen hatte. funkelndes blau, an den rändern grau. lichtgrau, so typisch für diese gegend, ein phänomen für sich. auch darum liebte er diese gegend, wegen dem licht...wegen den lichtern.

sein herz war heute weit wie der horizont. er freute sich auf das, was noch kommen würde, es würde viel sein, fast zu viel für einen wie ihn...der das alles nie im leben erwartet hatte. natürlich hatte er gehofft. dass die kleinen träume, die für ihn schon zuviel waren, wirklich werden würden, aber er war eigentlich immer davon überzeugt gewesen, dass man nicht zu viel träumen darf. damit man nicht aufwacht und feststellt, dass man traurig geworden ist. die einstellung seiner grosseltern, die er für sich übernommen hatte. und dennoch drängten manche träume empor, als würden sie ein eigenleben annehmen.

wie ebbe und flut sind die träume, dachte er. es gibt zeiten, da drängen sie empor, als würden wellen an einen strand rollen. dann gibt es die kargen zeiten, wo sie sich zurückziehen und den träumenden fröstelnd und traurig zurücklassen. so war es einfach. nichts konnte man daran ändern. vielleicht waren die zeiten der ebbe nötig, so wie es die zeiten der flut waren. zur klärung. reduktion als klärung der gedanken und wünsche. was dann noch übrigbleibt, ist tatsächlich wahr. beide zeiten haben sinn, dachte er und hielt instinktiv ausschau nach seinem alten freund, dem einsiedlerkrebs, dem er solche dinge zu erklären gewohnt war. der junge liess sich heute aber nicht blicken. wahrscheinlich bereitete er sich ebenfalls auf den winter vor. er sollte es ihm gleich tun. nun ist wohl flut, dachte er, die träume kommen zurück, einige davon. andere sind wohl für immer verschwunden. und er wusste nicht mal mehr, welche es waren. er fühlte sich nur erleichtert. so, als wäre viel unnützer ballast von ihm genommen worden.

er warf einen kurzen blick zurück zum haus, das einladend aussah. die fenster blinkten in der wintersonne, als würde sie zwinkern. zeit für einen heissen kakao.
er verstaute sein kleines blaues boot unter der plane, überprüfte noch einmal, ob sie gut festgezurrt war und ging dann zurück zum haus.

in der küche war es warm und der kakao dampfte vor ihm. er sah lächelnd aus dem fenster und war zufrieden. der winter konnte kommen.

Sonntag, 23. Mai 2010

der längste tag seines lebens

der mann hatte gar keine eile, von hier wegzukommen. was gerade ihn selbst am meisten erstaunte. er hatte nun freizeit. wie sehr er dieses wort gehasst hatte. regelrecht verabscheut. freizeit. was für loser. menschen, die keiner ordentlichen arbeit nachgingen, menschen, die ihre gesamte zeit damit verbrachten, in der stadt rumzuhängen und leute anzugaffen, mit dümmlich leerem gesichtsausdruck. was für versager sie doch waren, diese menschen mit zuviel freizeit.
nicht mal wirtschaftlich waren sie zu gebrauchen. wenn man schon so viel zeit hat, in die stadt zu gehen, sollte man wenigstens gehörend die kreditkarten glühen lassen, das war immer sein credo nummer eins gewesen. nur nie nutzlos sein. rein in die geschäfte und denen mal zeigen, wozu ein nützliches mitglied der gesellschaft fähig ist. die wirtschaft ankurbeln. und nach der arbeit mit den kollegen einen draufmachen, die teuersten speisen bestellen, und beim wein nicht zögerlich sein, der beste ist gerade genug für uns businessmenschen. der wert eines menschen wird daran gemessen, wieviel kohle er hat, ist ja klar. braucht man gar nicht darüber diskutieren, oder? sind eben die dinge des lebens, die man schon mit der muttermilch aufsaugt. nur loser wissen nicht bescheid. und er war nie ein loser gewesen. hatte es weit gebracht in seiner sparte. man blickte zu ihm auf. man hörte auf ihn, ja, man hatte einen heidenrespekt. er hatte einen der top-parkplätze vor der firma. sein bmw stand jetzt da, wo er hingehörte. sein neuer bmw. und seine sekretärin war zucker.

das einzige, was er eben nicht hatte, war freizeit. er hätte sowieso nicht gewusst, wohin er gehen sollte. vielleicht in die stadt, für seine jeweilige freundin was hübsches schweineteures einkaufen, damit sie ihn umso mehr wollte. damit sie sich bei ihren freundinnen blicken lassen konnte. alles sündteure callgirls, da war er ohne illusion. nur dass sie das alles unter liebe abbuchten. er tat es nicht und er war immer damit gut gefahren. liebe? zu seiner arbeit, ja. die firma war seine wahre liebe, immer gewesen. bis zu dem tag...also eigentlich gestern...gestern abend, genau gesagt.

es war ein stinknormaler arbeitstag gewesen. er hatte die streicheleinheiten der zuckermaus im vorzimmer kassiert wie an jedem tag, hatte sich dann mit einigen der üblichen verdächtigen zum mittagessen verabredet, fast alles speichellecker, die an seinen job wollten und ihn umschwärmten wie die fliegen den abfall. schlechter vergleich. jedenfalls zog er immer eine meute bewunderer hinter sich her. man wollte von ihm lernen. seine erfolgsgeschichte hören. und natürlich seine börsentips, darauf waren sie alle scharf. als sie dann gemeinsam in der kantine sassen - für mehr war mittags kaum zeit - war ihm trotz gedränge und geschiebe zwischen den tischen aufgefallen, dass eine gestalt ganz allein an einem tisch gesessen war. ein kollege, einer der besten, der härtesten. ein macher. er sass dort ganz allein, was ungewöhnlich war und man schien seine anwesenheit nicht zu bemerken. die gestalt sass dort, in gedanken versunken, im grauen zwielicht des herbsttages, vor einem glas bier. sein blackberry lag vor ihm auf dem tisch, das handy daneben. unbenutzt. einigermassen seltsam für einen wie den dort. einen, der immer telefonierte, dessen stimme man im stimmengewirr der kantine immer klar ausmachen konnte. er sah noch einmal genauer hin. sein kollege hatte die krawatte gelockert und den hemdkragen geöffnet. er sah aus, als wäre ihm totenübel. aber bald vergass er ihn über der konversation. er hatte andere probleme. sein terminkalender war randvoll und der tag würde noch lang werden.
am abend, als er das bürogebäude verliess, sah er, dass im büro des kollegen noch licht brannte. überstunden. nicht übel. guter mann.

nun befand er sich hier an diesem strand an einem fahlen herbstmorgen, blickte starr aufs wasser und hatte den längsten tag seines lebens vor sich. das wasser sah grau aus, bleiern, unfreundlich. nicht gerade ein tag, an dem man normalerweise an den strand geht, nicht freiwillig, es sei denn, man musste mit sich selbst allein sein. zum ersten mal seit langem hatte er nicht zuhause geschlafen. er war schon zuhause angekommen, hatte es sich vor dem essen mit einem aperitiv vor dem fernseher bequem gemacht, die nachrichten eingeschaltet. dann hatte sein handy geläutet. er hatte den anruf entgegen genommen. 5 minuten danach war er wortlos aufgestanden und hatte seine gemütliche, luxuriöse wohnung verlassen, war in seinen wagen gestiegen und die ganze nacht ohne ziel herumgefahren, bis er sich schliesslich bei morgengrauen hier gefunden hatte, an einem einsamen strand, wo zur hölle auch immer der war. er wusste es nicht. konnte am anderen ende der welt sein und es war ihm egal. genauso wie sein handy, das einsam und stundenlang in seinem auto vor sich hingeläutet hatte.

veruntreuung von firmengeldern. ein riskanter aktiendeal, der schiefgegangen war. er nickte bitter. kann passieren. wenn man sich zu viel zutraut, wenn man es gewohnt ist, immer die richtigen entscheidungen zu fällen, dann konnte sowas passieren. es war das schlimmste, was passieren konnte, aber es konnte nun mal passieren und irgendwie konnte man immer noch etwas geradebügeln, man war ja erfinderisch, man konnte vielleicht noch einiges davon retten, zumindest es versuchen. kein grund, sich einfach so...
er rauchte sich eine zigarette an. irgendwann in dieser nacht hatte er wieder zu rauchen begonnen. einfach gesprungen. der mann hatte familie. eine frau und zwei kinder. und alles, was er ihnen hinterlassen konnte, waren ein paar zeilen, dass es ihm leid täte. klar tat es ihm leid, das hätte er gar nicht erwähnen müssen. keine entschuldigung würde ausreichen, gar keine. dass er ein versager war. so hatte er geschrieben. er hätte versagt und nun war alles zu ende. aus. vorbei. jahrzehntelang geschuftet wie ein blöder, dann eine amoktat und schon war alles vorbei.
er sah den kollegen noch immer vor seinem geistigen auge im herbstlichen zwielicht sitzen. er hätte hingehen sollen. er hatte ja gemerkt, dass der mann völlig hinüber war, aber er war lieber mit seinen leuten zusammengesessen und hatte sich von ihnen honig ums maul schmieren lassen. er sah noch immer die zusammengesunkene gestalt des mannes vor sich. zum ersten mal seit langem kamen ihm die tränen.

er ging einige schritte den strand hinunter, und dann so weit, bis das kühle grau seines bmw ausser sichtweite geriet. er war völlig ratlos. er hatte noch nie so viel zeit gehabt. den ganzen tag lang. freizeit, wie einer, der völlig nutzlos war. er hatte keine eile, von hier wegzukommen. es war ihm egal, was in seinem real life gerade passierte, das er hinter sich gelassen hatte. vielleicht nur für einen tag. den längsten tag seines lebens.

Sonntag, 30. August 2009

über das verschwinden

tief luft holen....und langsam untertauchen. die augen weit öffnen, keine angst vor dem brennen des salzwassers. das licht färbt die wasserfläche über dir in grün, von dem du oft geträumt hast, funkendes grün, das es auf der erdoberfläche nicht gibt. die luft reicht noch aus, sinke tiefer. langsam verschwindet das funkeln, vereinzelt sickert noch licht zu dir herunter. langsam gewöhnst du dich wieder an schwerelosigkeit, auch deine gedanken werden leichter, weicher. bis du dich auflöst und ganz zu verschwinden scheinst. doch langsam kommst du selbst wieder zum vorschein. was bleibt von dir, wenn alles schwere von dir genommen wird? wer bist du? jede zelle in deinem körper schwingt auf einer frequenz, die musik gleicht. tauch noch tiefer und lass die augen weit offen.
du lässt die luft aus deinen lungen entweichen, myriaden von luftbläschen umgeben deine schwebende gestalt
es ist der beste augenblick, der gleichzeitig ein abschied ist.

der mann liegt auf der wiese vor dem haus und blickt in den himmel. seine haare trocknen langsam im wind. immer wieder blickt er zum meer hinüber, dann wieder zum himmel. als wären dort in den urelementen alle antworten enthalten, die er immer gesucht hat.
weit über ihm taucht ein vogel ins blau, immer weiter, bis er verschwindet, sich aufzulösen scheint.
geht es darum, um's eintauchen, um das verschwinden? schreibt er in sein notitzbuch, das vor ihm im sand liegt. müssen wir uns selbst vergessen, um das wirkliche leben zu finden? müssen wir uns erst auflösen, um ganz zu werden?

ich kannte einmal ein mädchen,
schreibt er weiter, ein mädchen, das irgendwie bescheid wusste. manchmal erzählte sie darüber, über das verschwinden. sie sagte, sie würde es gerade lernen. es wäre eine kunst, die lebenslanges lernen erforderte. wenn sie darüber sprach, lag etwas sonderbares in ihren augen, etwas wildes, ungezähmtes. etwas, was nicht menschlich wirkte. nur ein wildes kind, schreibt er weiter. ein wildes kind, mehr nicht, und mehr wollte sie auch nie sein. er fragt sich, ob sie es inzwischen geschafft hatte, wieder ein stückchen mehr zu verschwinden. um ihrer heimat näher zu sein.

Freitag, 31. Juli 2009

der strandläufer

der erwachsene mann, der noch immer die träume eines kindes hatte, sass auf der klippe und sah über das meer, das im letzten licht des tages eine dunkelblaue färbung angenommen hatte, ganz hinten am horizont lag ein streifen grauviolett, es sah so aus, als hätte ein aquarellmaler eine nasse leinwand erst mit der grundfarbe blau bemalt und dann immer wieder neue farben darübergestrichen. mit jeder minute veränderte sich die farbe des meeres, kaleidoskopartig, schillernd, die kalten unterströmungen zogen sich silbern wie feine linien durch's bild, es gab wärmere pools zwischen den riffen, die in hellerem blau oder grünblau changierend im letzten licht der untergehenden sonne dalagen und ihn, den mann auf der klippe, einluden, hineinzuspringen und zum zentrum des grün zu tauchen, wo das wasser warm und die farbenpracht der riffe unendlich war.

doch es wurde langsam kalt, er hatte sich schon seinen pullover übergestreift und liess das baden für heute lieber sein. er mochte es, einfach nur auf der klippe zu sitzen und den wellen zuzusehen, den schaumbrechern, die als weisse krönungen auf den wellen sassen, der gischt am strand, wo sich wasser und sand trafen und wo das wasser sanft ausrollte. einige dunkelgrüne algen brachte der ozean dem sand aus seinen tiefen mit, einige krebschen und kleingetier, das sich unverzüglich in den nassen sand grub, einige muschelsplitter und ein, zwei der grossen muschelgehäuse, die er liebte, aber nie mit nach hause nahm. er warf sie lieber zurück ins wasser, obwohl er nicht wissen konnte, ob der eigentliche besitzer, das muscheltier, noch lebte oder nicht. er liebte die grossen muschelgehäuse und bizarres treibholz und er fotografierte sie oft, wenn sie am strand liegend seltsame formen ergaben, die er manchmal zu ergründen suchte. es war jedoch besser, sie einfach nur zu betrachten. lange, in alle details gehend, minutiös. er konnte stundenlang nur schauen. die touristen am strand, die er oft beobachtete und die muscheln sammelten, um sie später wieder wegzuwerfen, die flüchtigen seelen, die er oft hier entlangkommen sah, bemitleidete er immer ein bisschen wegen der hektischen verworrenheit ihrer gedanken und dem, was sie taten, schnell und ohne bedacht, ohne die details zu erkennen, die für ihn immer das schönste waren. die details, die er als das wichtigste erkannt hatte.

das wasser lag nun wie ein quecksilberspiegel vor ihm und die erste nächtliche schwärze begann heraufzukriechen, bald würden die ersten sterne in den dunklen ozean gebettet werden und der himmel würde sein spiegelbild auf die oberfläche des wassers hauchen
in diesem seltenen lichten gold

er zog sich die kapuze in die stirn und wartete




für figurehead

Sonntag, 10. Mai 2009

das lesezeichen

er blätterte noch mal sein abgegriffenes notizbuch durch. eine stelle war anscheinend vor einiger zeit für ihn besonders wichtig gewesen. er hatte zwischen die seiten einen grashalm als lesezeichen eingelegt. der grashalm war vertrocket, bräunlich und sah wie ein strohhalm aus. trotzdem sah es irgendwie bedeutend aus. wichtig. auch wenn es nur damals gewesen war. damals war er aber besser drauf gewesen als jetzt, das musste er sich eingestehen. er hatte abgebaut in den letzten monaten. hatte sich vom schönen schein blenden lassen, der nichts weiter ist als eben nur schein. schein hat ja normalerweise mit licht nichts zu tun. blendwerk. so könnte man sagen. bis man nichts mehr erkennen kann. schon gar nicht sich selbst.

jedenfalls..der grashalm. bescheiden steckte er zwischen den seiten und sah dennoch viel besser aus als ein lesezeichen aus leder mit goldverzierung. er lächelte. ohne dass er das heft aufschlagen musste, wusste er auf einmal, was dieses lesezeichen zu bedeuten hatte.

halt ein und atme tief durch. sieh in dich rein. und begegne dir ohne verstellung. sei ehrlich. sei du selbst. imitiere niemanden. sei nur du.

er wartete noch einen moment, fast misstraurisch. war es wirklich? dieses gute gefühl, von innen heraus, das wärmte, wie nichts anderes wärmen konnte, es war tatsächlich wahr. manchmal denkt man sich tot, sagte er laut und schüttelte über sich selbst den kopf.

er stand auf, sah noch einmal über das meer...er konnte es jetzt erst wieder fühlen. die ruhe, die davon ausging, machte ihn angenehm schläfrig und er wusste, er würde sich nun richtig ausruhen können. vielleicht muss man bestimmte fehler machen, damit man erst begreift, wie schön das war, was man hatte...damit man darum kämpft. es ist es wert.