Dienstag, 16. Juni 2015

Donnerstag, 4. Juni 2015

der seiltänzer


das mädchen im blauweissen shirt sitzt stundenlang in derselben position und blickt aufs meer hinaus
am gang lehnt ein junger mann an der halboffenen tür seines abteils und sieht den möwen zu
seine zigarette verglüht hinter ihm unbeachtet zu asche
der lokführer hält eine antike seefahrtskarte in der hand
er blickt sinnend auf den blankpolierten kompass
schaltet die geräte ab und lehnt sich zurück
grünes meerwasser spritzt auf die scheibe
ein buntgewandeter seiltänzer tanzt 10 meter über der meeresoberfläche
die enden des seils verschwinden im dunst am horizont
was für ein schöner anblick das ist, murmelt schläfrig eine alte frau am fenster
ich wollte ihn doch immer noch einmal sehen
er verneigt sich leicht, während sie ihm leise applaudiert

Donnerstag, 21. Mai 2015

coffeetime

vielleicht gibt es ihn deshalb immer noch. wenn er zu real wäre, wäre er längst in der vergessenheit verschwunden, aber da er das nicht ist, existiert er immer noch. der stillgelegte bahnhof mit dem warteraum, der in angenehmes halbdunkel gehüllt ist.
sogar im sommer bei flirrender hitze ist es kühl. man kann hier perfekt einen heissen tag verschlafen oder lesen oder einfach nur aufs meer schauen.
hier kommen garantiert nur wenige leute vorbei und noch weniger leute bleiben. diejenigen, die den raum sofort wieder verlassen, wirken desorientiert und durcheinander, als würden sie bei der stille, die in diesem raum herrscht, ein gefühl der ohnmacht empfinden. als wäre ihnen die stille unangenehm. sie werden wieder in die masse der menschen eintauchen, darin verschwinden und im allgemeinen stimmengewirr das wiederfinden, was sie ihren verstand nennen. genau solche leute fühlen sich hier an diesem ort verloren und unwohl. und so ist es auch gedacht.
dieser ort ist einladend, doch die einladung gilt nicht jedem.

es führen schienen am bahnhof vorbei. verrostete schienen, vom meerwasser überspült.
die korrosion ist allgegenwärtig.
hie und da schwappt eine welle meerwasser in die wartehalle und spült algen und sand herein.
seemöven hocken auf den pfosten, die vor dem gebäude aus dem wasser ragen und starren auf's wasser hinaus.
die einzigen wahrnehmbaren geräusche, das leise rauschen von wasser und das gelegentliche krächzen und schreien der möven, tragen zum allgemeinen gefühl bei, dass man sich hier eigentlich nicht wirklich an land befindet, nicht auf festem boden, sondern dass es sich hier um eine insel handelt.

hinten im raum, wo es am dunkelsten ist, steht eine verschlissene, grosse couch aus dunkelrotem samt. sie wirkt seltsam deplaziert, morbid und immer noch wunderschön. sie könnte aus einem schloss stammen oder aus einer dieser goth-ähnlichen bars, wie man sie in mancher grossstadt noch vorfindet, wenn man glück hat.
schräg hinter der couch befindet sich ein grosser, moderner und leicht korrodierter, prächtiger kaffeeautomat...

Montag, 20. April 2015

spätnachts

es ist eigenartig, wenn man spätnachts aus dem fenster sieht, weil das geräusch des gartentores in der stille so laut ist und wenn man dann jemanden völlig fremden das haus betreten sieht, jemanden, den man noch nie im leben gesehen hat und der auf irgendeine eigenartige weise abstrakt wirkt. ein fremdkörper, unbekannte materie. es könnte ein fremder stern aus dem all das haus betreten und man würde es akzeptieren. in dieser gigantischen stille könnten entsetzliche dinge passieren.- doch es war nur eine frau, die ich noch nie gesehen hatte, eine neue nachbarin, und ich war müde

Donnerstag, 5. März 2015



"I have no idea where this will lead us, but I have a definite feeling it will be a place both wonderful and strange."


 Agent Dale Cooper, Twin Peaks (1990)

Sonntag, 22. Februar 2015

Logos - Formes de Vie




Land Art concept based on descriptions of differents dreamed Life Forms, photos by Arcan (Alain Bernegger,Thierry Tabourdeau). Music By Logos

Sonntag, 23. November 2014

es wurde langsam zu kalt für die langen spaziergänge durch’s viertel. den schatten zuzusehen, wie sie sich hinter vorhängen bewegten, den versprengten spaziergängern ein, zwei sätze abzuringen und eventuell eine zigarette, die papierfetzen zu betrachten, wie sie vom wind bewegt über den asphalt der strasse tanzten.. immer noch war es herbst, die strasse glänzte dunkel vom regen, doch bald würde der winter kommen und die stadt für eine lange nacht in weiss hüllen, jede spur dreck verbergen, für ein paar perfekte stunden, in denen etwas uraltes in der luft lag. eine art magie, aber vielleicht war es mehr als das. der erste flockenfall des jahres. er freute sich wie ein kind darauf und trotzdem war er traurig, dass der herbst zu ende gehen musste. ein teil eines puzzles, das jetzt nicht mehr in der schachtel bei den anderen lag, sondern fein und ordentlich schon einen teil des bildes ergab, das er gerade mühevoll zusammenbaute. und irgendwann würde auch das fertige bild verschwunden sein, nur würde er es nicht mehr merken. hoffte er. vielleicht würde etwas noch besseres auf ihn warten. vielleicht war es schon da, oder kündigte sich schon an, nur konnte er es nicht erkennen.