Mittwoch, 11. Juli 2018
Ein Atlanter kehrt heim
Archangel Bar Deep Space
verfasst am: 07 Mai 2007 0:27
Vielleicht sollte ich wirklich nach Ozeanien ziehen? Dort gibt es den Berg, der innen hohl ist und aus Wasser besteht, und schwarze Erde und grünes Wasser. Dort könnte wirklich die verlorene Traumküste liegen, die *Position der Nordküste, wie in der schönen Geschichte, die ich immer und immer wieder lesen muss, damit ich dieses Gefühl nicht vergesse, ja, das Gefühl des Seefahrers, des Küstenentdeckers, des Heimkehrers. Dort gibt es Millionen Quadratkilometer Wasser und nur wenige Quadratmeter Land, und nur wenige Menschen. Tuvalu klingt schön, verlockend, und machmal sehe ich mit goldenen Augen mitten hinein in die Landschaft aus schwarz und grün und ein Funke beginnt zu sprühen, ein Gefühl, das ich beinahe vergessen hätte. Ewiges Leben in Wasser und frischem, wildem Land, vergoldete Haut, so stark, der Körper, der Geist.
Die längst verloren geglaubte Küste taucht wieder auf, nach so langer Zeit, sie zeigt sich oft und in unterschiedlichen Manifestationen, eine verlockender als die andere, eine köstlicher und erfrischender als die andere.
Ein Atlanter kehrt heim.
*R.A. Lafferty: Die geheime Position der Nordküste,
erschienen im ersten Almanach der Hobbit.Presse
Klett-Cotta-Verlag
Sonntag, 1. Juli 2018
neptun
sie trägt ein hellblaues kleid, blau wie der himmel hinter dem zugfenster.
rundherum dehnt sich endloses blau.
und da sagen leute, etwas anderes würde zählen, lacht sie.
ein kleiner neptun winkt mit seinem dreizack und summt seinen willkommensgruss.
lange her, dass du zuhause warst. wie lange wirst du diesmal bleiben?
ich habe einöden durchquert und felder aus feuer, flirrt ihre stimme im sonnenlicht.
hab ich es mir nicht verdient, für immer zu bleiben?
er nickt und lässt es goldene münzen auf den strand regnen.
du erinnerst dich?
Donnerstag, 7. Juni 2018
Das verlassene Haus
An einem abgelegenen Ort stand ein Haus. Niemand schien darin zu leben, obwohl einiges von Bewohnern sprach – das Interieur war prachtvoll und gepflegt, doch es wirkte auf seltsame Weise unbenutzt. Ein stetiges graues Zwielicht, das seinen Ursprung mitten im Haus zu haben schien, überzog die Gegenstände in den Zimmern wie ein graues Laken. Das Haus, das Tag und Nacht nicht kannte, stand auf einem Hügel, der nur schwer zugänglich war. Es gab keine Strasse, nur einen versteckten Pfad, der unkrautüberwuchert und von Dornenhecken und wildem Gestrüpp begrenzt in verschlungenen Windungen steil bergan führte. Man konnte den Windungen des Pfades bis zur Kuppe des Hügels folgen, ohne auf eine weitere menschliche Behausung zu treffen. Das einzige Bauwerk, das sich über die Wipfel der spärlichen Bäume erhob, war das verlassene Haus, das in grauer Einsamkeit vor sich hinzudämmern schien. Verirrte sich dennoch ein Besucher an diesen Ort, konnte er Raum um Raum durchmessen, ohne auf einen anderen Menschen zu treffen, konnten seine Schritte endlos widerhallen in labyrinthischen Gängen und Höhlen, Erdhöhlen und Stollen, die tief in die Erde führten, unter dem Haus, und ein Gewimmel von sich windenden Würmern mochte er finden...Maden..und zahllose Schnecken, die in Klumpen an den Wänden der Gänge klebten.
Oder er mochte geradewegs Raum um Raum durchschreiten bis zum hintersten Trakt des Gebäudes und sinnend vor der kleinen Holztür stehenbleiben, die neben dem prächtigen Interieur des restlichen Gebäudes beinahe obszön wirkte, wie eine Stalltür, und wie im Traum, ein wenig traurig, mochte er sich fragen, warum gerade er diese Qualen würde erleiden müssen, ein wenig lächeln würde er dann und ein klein wenig schluchzen, während Minute um Minute zäh und langsam verstrich, wie um seinen tiefen Schmerz zu verlängern.
+++
Dahinter. Hinter der Tür. Hinter der Vernunft.
Ein Bröckchen Opium sprühte in der Dunkelheit, sprühte wie eine Wunderkerze aus längst vergessenen Kindertagen. Und ja...er erinnerte sich, wie ein träumender Embryo, zusammengerollt im Schoße der Erinnerung, und für einen Moment, diesen einen Moment...war er geborgen und sicher in seinem brüchigen Haus der Vernunft.
Nichts von den Dingen hinter der Tür war echt.
+++
Er war zu Hause. Lag noch in seinem Bett und träumte. Es war gewiß ein unruhiger Traum, verwirrend, wie so oft in stürmischen, regnerischen Nächten und bald würde er das Geräusch des Weckers hören und erwachen. Zur Arbeit gehen wie an jedem Tag.
+++
Er starrte mit weit geöffneten Augen in die Dunkelheit. Vor ihm brannte ein Stück Bernstein in mystischem Gold, sprühte im Kaleidoskop seiner Tränen und zerplatzte in tausend blutige Glassplitter.
Nichts davon war echt.
Er würde erwachen, ganz gewiß.
+++
Er lief über ein verschneites Feld, das sich in gigantischer Dimension weit bis zum Horizont erstreckte. Sein Atem ging rasch und stoßweise, er lief. Schneller.
+++
In der inneren Kammer regten sich die Schatten. Eine graue Gestalt kauerte im Hintergrund an der Wand. Sie sah aus wie ein Bündel Lumpen oder eine in Fetzen gehüllte Puppe. Ihr strähniges Haar fiel bis zum Boden herab und verdeckte ihr Gesicht. Er starrte angestrengt in die Dunkelheit, versuchte, sich zu erinnern, doch da war nur
+++
das weite Feld, über das er rannte. Sein Atem ging zu schnell, seine Lungen brannten. Er brach mit einem Fuß durch die Schneedecke und stürzte. Mit nach unten gekehrtem Gesicht blieb er liegen. Er schluchzte in den Schnee, versuchte, wieder aufzustehen, weiterzulaufen.
Er konnte nicht mehr.
Mühsam hob er den Kopf und hielt sein brennendes Gesicht in den Wind.
Über den Horizont erstreckte sich ein Streifen blauer Himmel. Eiskalt strömte die Luft in seine Lungen. Sein Mund schmeckte metallisch. Er wußte nicht, ob er sich bei seinem Fall auf die Zunge gebissen hatte, oder ob es die Luft war, die nach Blut schmeckte. Metallisch und scharf wie Blut, das aus einer frischen Wunde fließt.
Dienstag, 24. April 2018
...i want to be remembered
- I do love you, so very much. I love you with all my heart and soul.
- I want to die. If only I could die...
- If you'd die, you'd forget me. I want to be remembered
Sonntag, 26. November 2017
sommer II - hundstage
I
im flirrenden licht der sonne bildeten hügelketten verschwommene umrisse von schwarz, das sich über gelb und sienna von feldern und sandkuhlen erhob. die landschaft wirkte wie ausgestorben, menschenleer. das schwirren, surren, krabbeln und flattern von insekten bildete eine geräuschkulisse, die viel zu laut, wie ein greller klangteppich, über der scheinbar unbelebten landschaft lag.
ein aussergewöhnlicher tag, obwohl er sich dem anschein nach in nichts von den übrigen tagen unterschied
ein blutiger, schreiender tag
über dem der schatten der sonne lag
alles war im begriff, sich aufzulösen. sich als illusorisch herauszustellen.
II
in den hundstagen lastete die hitze wie eine decke über den tälern,
kein windhauch bewegte die luft, die gerüche waren mannigfaltig,
süss und holzig über den hügeln in der ferne, würzig über den wiesen,
stechend und scharf am strassenrand, wo unzählige tiere zu tode gekommen waren.
am feldrain lagen kröten und frösche, ab und zu auch ein vogel oder eine überfahrene katze.
hier stank der sommer nach tod und verwesung, nach dunkelheit
er nahm die form eines bösartigen tieres an,
dessen atem nach verwesendem fleisch und vergorenem blut stank
III
das tier lag träge am strassenrand und kaute an fleischfetzen, haut und sehnen, bis nur noch blanke knochen blieben, die es mit seiner feurigen zunge bleich leckte.
grünschillernde fliegenschwärme begleiteten das tier, glitten wellenförmig auf seinem heissen atem dahin, taumelten auf bunten verwesungsfarben, lagen hilflos auf dem rücken und zappelten in blutlachen
drifteten durch blutschwere luft
-rot und braun auf blauem grund-
IV
in der ferne zogen vogelschwärme dahin.
vögel, über deren flügel wellenförmig neue strukturen glitten, flogen, tauchten
waren verschwunden
schemenhafte wellentaucher
schattenhaft. verwirrend. schmerzlich.
Donnerstag, 31. August 2017
Edgar Lee Masters - The Hill
Where are Elmer, Herman, Bert, Tom and Charley,
The weak of will, the strong of arm, the clown, the boozer, the fighter?
All, all are sleeping on the hill.
One passed in a fever,
One was burned in a mine,
One was killed in a brawl,
One died in a jail,
One fell from a bridge toiling for children and wife—
All, all are sleeping, sleeping, sleeping on the hill.
Where are Ella, Kate, Mag, Lizzie and Edith,
The tender heart, the simple soul, the loud, the proud, the happy one?—
All, all are sleeping on the hill.
One died in shameful child-birth,
One of a thwarted love,
One at the hands of a brute in a brothel,
One of a broken pride, in the search for heart’s desire;
One after life in far-away London and Paris
Was brought to her little space by Ella and Kate and Mag—
All, all are sleeping, sleeping, sleeping on the hill.
Where are Uncle Isaac and Aunt Emily,
And old Towny Kincaid and Sevigne Houghton,
And Major Walker who had talked
With venerable men of the revolution?—
All, all are sleeping on the hill.
They brought them dead sons from the war,
And daughters whom life had crushed,
And their children fatherless, crying—
All, all are sleeping, sleeping, sleeping on the hill.
Where is Old Fiddler Jones
Who played with life all his ninety years,
Braving the sleet with bared breast,
Drinking, rioting, thinking neither of wife nor kin,
Nor gold, nor love, nor heaven?
Lo! he babbles of the fish-frys of long ago,
Of the horse-races of long ago at Clary’s Grove,
Of what Abe Lincoln said
One time at Springfield.
https://en.wikipedia.org/wiki/Spoon_River_Anthology
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